Home ALLE BEITRÄGE Genossin Lêgerîn – Ein Text von Mustafa Karasu

Genossin Lêgerîn – Ein Text von Mustafa Karasu

by rcadmin

KCK Exekutivratsmitglied Mustafa Karasu hat über die Revolutionärin aus Lateinamerika, Lêgerîn (Alina Sanchez), die in Rojava zur Märtyrerin geworden ist, einen Text geschrieben.

Wir haben die Genossin Lêgerîn (Alina Sanchez) Ende des Sommers 2011 kennengelernt. Sie war eine der ersten GenossInnen aus Lateinamerika die zu uns nach Kurdistan kam; vielleicht sogar die Erste! Die Linie des demokratischen Sozialismus und der Befreiung der Frau von Rêber APO ließ sie in die Berge Kurdistans eilen. Sie suchte sich auch einen Codenamen aus, der genau zu ihrer Persönlichkeit passte. Als wir uns das erste Mal trafen, waren wir sowohl überrascht, als auch begeistert. Dass eine Genossin aus der Heimat Che Guevaras zu uns kam fühlte sich für uns so an, als würde Argentinien zu uns kommen. Für sie war der Aufenthalt in einer Umgebung des kurdischen Freiheitskampfes, wie als würde sie ein neues Leben entdecken. Für uns war es so, als würden wir mit dem Leben in Südamerika und Argentinien zusammenkommen. Dass sie sich sofort wohl fühlte und ihr melancholisches Lachen hob die Fremdheit und die Distanz zwischen uns auf. Fast so als wäre eine kurdische junge Frau zu uns gekommen; so als wäre sie nicht von weit weg gekommen.

Bei ihr sahen wir, wie nah uns die warmherzigen Menschen aus Südamerika sind. Sie war wie Eine von uns als sie bei uns war. Aus Argentinien zu kommen und vom ersten Tag an solche Gefühle zu vermitteln ist nicht leicht. Doch mit ihrer natürlichen Art vermochte sie dies zu bewerkstelligen. Und innerhalb kürzester Zeit war es so als wäre sie eine Guerillakämpferin, die schon seit vielen Jahren Teil des Freiheitskampfes ist. Vergessen wir einmal die ganzen Anstrengungen und Bereicherungen für die Freiheitsbewegung, ihr Tod allein hat uns tief getroffen. Wir haben sie verloren, noch bevor wir sie ausreichend kennenlernen konnten. Jedes Mal, wenn wir an sie denken, werden wir die selben Gefühle haben.

Die Freundin Lêgerîn lernte schon kurz nachdem sie den Boden Kurdistans betreten hatte, die Schwierigkeiten der kurdischen Revolution kennen. Den gesamten Sommer 2011 über beschoss der Iran Xinêrê mit Mörsern und Katjuscharaketen. Die Genossin Lêgerîn wurde Zeugin davon. Die Raketen prasselten wie Regentropfen auf Xinêrê nieder. In einer solchen Situation wurde der Ort an dem sich die Genossin Lêgerîn aufhielt sehr heftig bombardiert. In nur 10-15 Meter Entfernung zur Genossin Lêgerîn schlugen die Bomben ein. Nur um ein Haar konnte sie sich vor den Bombensplittern retten. Für sie war das eine vollkommen neue Situation, doch sie begegnete ihr so normal, als wäre sie schon seit Jahren bei der Guerilla. Ihre Reflexe waren nicht wie die einer Freundin, die gerade erst neu zu uns gekommen war. Indes verstand sie, unter welchen Voraussetzungen die Revolution in Kurdistan geführt wird und sich entwickeln musste. Sie sah außerdem, wie die Guerilla unter dem Bombenhagel ihr Leben fortsetzte.
Nach einer Weile machten wir uns mit dem Freund Fuat, den Freunden die für unsere Sicherheit zuständig waren und der Freundin Lêgerîn auf eine lange Reise. Wir gingen nach Behdînan. Wir zogen hinüber an einen Ort, nicht weit entfernt vom Zap, der nach nur wenigen Tagen von türkischen Kampfflugzeugen unter Beschuss genommen wurde. Das gesamte Waldstück wurde bombardiert. Das Bombardement war so stark, dass der gesamte Wald sich innerhalb von Sekunden zu einer Feuersbrunst entwickelte. Rechts von uns, links von uns, vor und hinter uns brannte der gesamte Wald. Wie konnte aus dem Nichts so ein riesiges Feuer entstehen; Lêgerîn blickte mit Erstaunen auf die Flammen. Wie konnte man so pervers sein, die Lunge der Menschheit einfach niederzubrennen. Als Lêgerîn so den brennenden Wald betrachtete, konnte man diese Gedanken aus ihren Augen ablesen. Die Wut von Lêgerîn gegen die Unterdrücker, die Kolonialisten und Feinde der Menschheit wuchs noch mehr. Es kann doch nicht möglich sein, dass sie damit einfach davonkommen, diesen Wald so mir nichts, dir nichts, niederzubrennen, sagte sie. Die Bomben dagegen, die über ihr abgeworfen wurden, versetzen sie nicht so in Rage. So sahen wir, wie stark ihre Verbindung zur Natur war. Diese Gefühle, die sie für die Natur empfand, sind die Gefühle die man eigentlich allen Lebewesen, den Menschen eingeschlossen, entgegenbringen muss; ein Reflex der Selbstverteidigung.

In diesen Tagen, als der türkische Staat seinen Feuerregen auf uns niederprasseln ließ, diskutierten wir gemeinsam mit dem Freund Fuat und Lêgerîn. Bei uns war auch ein Kurdisch-Spanisch Übersetzer. Auch der Übersetzer war ein Kader der PKK. Tagelang diskutierten wir das Verständnis von Rêber APO’s Frauenfreiheit, die Mentalität von Staat und Macht, das demokratisch konföderale System, Antikapitalismus, Antiimperialismus und demokratischen Sozialismus. Bei dem Thema der Verteidigungsschriften von Rêber APO war sie sehr sensibel. Etwas später sagte sie mit ihrem gebrochenen Kurdisch, das sie innerhalb kürzester Zeit gelernt hatte: „der Freund übersetzt nicht ganz genau“. Das Paradigma einer frauenbefreiten, ökologischen und demokratischen Gesellschaft war für sie wie ein neuer Atemzug, wie das Tor zu einer neuen Welt. Daher wollte sie es auf die beste Art und Weise verstehen. Besonders so eine Ideologie, so eine Theorie der Frauenbefreiung sah sie als eine starke Antwort auf die Suche einer nach Wissen Strebenden. Das was sie suchte, hatte sie gefunden. Ihr größtes Ziel war es nun, all dies zu verinnerlichen. Sie war so begeistert, wie eine Schülerin, die neu in die Schule kommt. So wie eine verdurstende Person in der Wüste, wollte sie so viel wie möglich aus dieser Quelle trinken. Ihr war sehr wichtig, jedem Moment, den sie in den Bergen Kurdistans verbrachte, eine Bedeutung zu geben.

Eine Weile blieb sie an unserer Seite. Die Freundinnen entschieden dann, dass sie nach Südamerika zurückgehen solle. Einerseits um ihr angefangenes Medizinstudium auf Kuba zu beenden, andererseits um dort die Ideen der PKK zu vermitteln. Mit dieser Entscheidung kehrte sie, über Europa nach Südamerika zurück. Während sie weiterhin mit der Diplomatie- und Pressearbeit in Europa in Kontakt blieb, führte sie die Arbeiten in Südamerika. Auch ihr Medizinstudium schloss sie ab. Während sie in Argentinien, Kuba und anderen Ländern Südamerikas arbeitete, vergaß sie niemals ihre GenossInnen in Kurdistan. Immer wenn sie die Möglichkeit dafür fand, schickte sie ihre Grüße und Wünsche. Einmal schickte sie uns ein Packet kubanischer Zigarren. Sie wusste, dass wir nicht rauchten, doch sie waren aus dem Lande Che Guevaras. Sie wollte, dass wir uns mit den Zigarren fotografierten, um ihr die Fotos zu schicken. Weil es also etwas Besonders war und uns an Lêgerîn erinnerte, schossen wir 5-6 Fotos, während wir die Zigarren rauchten und schickten sie nach Europa. Direkten Kontakt mit ihr hatten wir nicht. Diese Fotos, die wir auf Wunsch von Genossin Lêgerîn aufnahmen, werden wir als schönen Moment in Erinnerung behalten.

Wir rauchten die Hälfe der Zigarren. Freunde wie Heval Abbas, die normalerweise nicht rauchten, zogen nur in Erinnerung an Che Guevara an den Zigarren aus Havanna. Die Verbliebenen wurden einem Freund, der Teil der Imrali Delegation war und ab und an nach Qendîl kam gegeben. Natürlich haben diese Havanna Zigarren einen Wert. Besonders weil sie eine südamerikanische Revolutionärin geschickt hat.

Die südamerikanische Gesellschaft und die dortigen RevolutionärInnen haben ihren eigenen Schatz an Besonderheiten. Die südamerikanischen Gesellschaften waren mit die Letzten, die mit Staat und Macht in Kontakt kamen. Die Geschichte der Staaten in Südamerika ist erst 300-400 Jahre alt. Deswegen hat auch der Duft der Freiheit diese Gesellschaften, ihre Kultur und ihre Haltung noch nicht verlassen. Wir können sogar davon sprechen, dass die Gesellschaften in Südamerika den Geist der freien Gesellschaft besitzen. Dieser freie Geist, der erst spät Staat und Macht kennenlernte, spiegelt sich natürlich auch in den RevolutionärInnen wieder. Der Freiheitsgeist ist sofort spürbar. Man sieht sofort, dass sie die Kinder einer Gesellschaft sind, die noch nicht so lange in Sklaverei gelebt hat. Die Gesellschaften des Mittleren Ostens haben über Jahrtausende hinweg unzählige Schichten von Staat und Macht erlebt. In dieser Hinsicht haben sie auf verschiedenste Weise die Hegemonie verinnerlicht. Man kann jedoch sagen, dass im Vergleich mit den Gesellschaften des Mittleren Ostens, die Ausprägung und Tiefe der Kultur in Südamerika etwas geringer ist. Es kann davon gesprochen werden, dass die Bevölkerungen des Mittleren Ostens und ihre gesellschaftlich revolutionären Vorstöße auf kultureller Ebene einige stärkere Ausprägungen haben. Bei der Synthese des Freiheitsgeistes Südamerikas und der geschichtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Tiefe des Mittleren Ostens entsteht das Mittel um die Menschheit zu befreien. Wenn man diese beiden Charaktereigenschaften vereint, kann keine Kraft der Welt Einen aufhalten. In dem sich der revolutionäre Geist Amerikas und der des Mittleren Ostens auf eine kraftvolle Art und Weise ergänzen, können sie eine historische Rolle dabei spielen, die Menschheit mit Freiheit, Demokratie und Sozialismus zu vereinen.

Die Wahrheitssucherin Genossin Alina Sanchez in den kurdischen Bergen, in den Reihen der Freiheitsbewegung zu treffen, war ein Treffen mit eben diesen schönen Eigenschaften. Diese sich ergänzenden Werte haben sich innerhalb des Freiheitskampfes angezogen und vereinigt. Wenn man die verschiedenen Dimensionen und Entwicklungen dieser Begegnung betrachtet, wird sie sowohl für den Mittleren Osten als auch für Südamerika in Hinblick auf einen revolutionären Vorstoß noch an Bedeutung gewinnen. Die Genossin Lêgerîn kennengelernt zu haben, ihre Genossenschaftlichkeit gespürt zu haben, wird uns immer daran erinnern.

Lêgerîn sprintete mit ihrem Charakter eines freien Geistes nach Kurdistan an die Seite des kurdischen Volkes, dass heute für die Freiheitskämpfe auf der Welt eine Voreiterrolle spielt. Dass sie das, was ihrem freien Geist am meisten entsprach im Freiheitskampf in Kurdistan und dem Mittleren Osten finden würde, fühlte, sah und verstand sie. Als in Rojava mit dem System des Demokratischen Konföderalismus als Gegenentwurf zu Macht und Staat, mit dem Aufbau des Demokratischen Sozialismus begonnen wurde, begab sie sich mit großer Eile nach Kurdistan, in den Mittleren Osten, nach Rojava. Als sie nach Kurdistan kam, wollte sie nach Rojava um dort sowohl im Aufbau eines Gesundheitssystems mitzuwirken, als auch um dort den revolutionären Kampf zu leiten. Dr. Lêgerîn sah in Rojava den Ort, an dem ihr Beruf die meisten Früchte tragen würde. Es gab eine Volksrevolution; die gesundheitlichen Bedürfnisse des Volkes waren sehr hoch! Ihr Medizinstudium war in Rojava von großer Bedeutung.

Ihr früher Tod macht alle Freunde sehr traurig. Dr. Lêgerîn hatte noch große Träume für die Revolution. Sie wollte das Paradigma von Rêber APO in seiner ganzen Tiefe verinnerlichen und auf Grundlage der Erfahrungen aus Rojava das Paradigma von Rêber APO nach Südamerika bringen. Und das insbesondere als Frauenbefreierin! Sie wäre mit dem demokratischen Sozialismus, der Frauenbefreiung und dem demokratisch, konföderalen System in Südamerika zu einem Führungskader geworden. Doch ihr Leben reichte nicht aus; Aber wir, ihre GenossInnen und auch ihre südamerikanischen GenossInnen werden Dr. Lêgerîns Träume in der Heimat Che Guevaras auf jeden Fall zum Leben erwecken und mit Erfolg krönen.

Genossin Lêgerîn, wir werden dich nie vergessen!

Quelle: Yeni Özgür Politika

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