Ferzad Kamangar war ein kurdischer Lehrer in Rojhilat, der vom iranischen Staat am 09. Mai 2010 hingerichtet wurde. Dies ist sein letzter Brief, den er aus dem Gefängnis an seine ehemaligen SchülerInnen geschrieben hat.
Hallo Kinder …. Ich vermisse euch alle. Ich verbringe meine Tage und Nächte hier, Lieder vom Leben zu singen, während ich mit süßen Erinnerungen an euch gefüllt bin.
Jeden Tag grüße ich die Sonne eher als euch, aber ich stehe jeden Morgen mit euch auf, während ich hinter diesen hohen Mauern mit euren Erinnerungen lache und schlafe. Manchmal bin ich erfüllt von Nostalgie. Ich wünschte es wäre möglich alles zu vergessen – genauso wie wir es taten, als wir von einem Schulausflug zurückkehrten und den Staub unserer Erschöpfung mit dem klaren Wasser eines Flusses in einem kleinen Dorf wegwuschen.
Ich wünschte es wäre möglich … Ich wünschte es wäre möglich, unsere Ohren dem „Klang des Wassers“ zu leihen und unseren Körper der Zärtlichkeit der Blumen, während wir unsere Klassenstunde inmitten der wunderschönen Symphonie der Natur abhielten.
Ich wünschte wir könnten unsere Mathebücher, mit all ihren Problemen unter dem Stein lassen, denn wenn „ [der] Vater kein Brot hat um es am Tisch anzubieten“1 was für ein Unterschied macht es dann, ob PI gleich 3.14 oder 100,14 ist ?
Wir waren es gewohnt, dass Kapitel über Naturwissenschaft, mit all seinen Chemischen und Physikalischen Komponenten bei Seite zu lassen. Lieber hofften wir eine Reaktion zu sehen, hervorgebracht durch „Wunder und Liebe“, während wir Abschied nahmen von den Wolken am Himmel nahmen, während wir sie dabei beobachteten, wie sie von einer Briese fortgeweht wurden. Wir sehnten uns nach einer Veränderung, die unseren ungezogenen Mitschüler Koroush davor bewahren würde, als ein Arbeiter zu enden, der eines Tages, während er darum kämpfen würde ein Stück Brot zu verdienen, von einem hohen Haus fallen und uns für immer allein lassen würde.
Wir sehnten uns nach einem anderen Newroz (persisches/kurdisches Neujahrsfest), das uns ein Paar neue Schuhe, schöne Kleidung und ein Tischtuch voll mit Süßigkeiten bescheren würde.
Ich wünschte es wäre möglich noch einmal im Geheimen unser kurdisches Alphabet durchzugehen, unbeachtet vom wütenden Blick des Rektors. Ich wünschte es wäre möglich Gedichte und Lieder in unserer Muttersprache zu singen, sich an den Händen zu halten und fortwährend zu tanzen.
Ich wünschte ich könnte noch einmal der Torwart der Jungs aus der ersten Klasse sein, die davon träumen Ronaldo zu sein, damit sie ein Tor schießen und ihren Lehrer schlagen können.
Es ist so schade, dass in unserem Land unsere Träume und Wünsche noch früher vom Staub der Vergesslichkeit bedeckt sind als ein einfaches Portrait. Ich wünschte ich könnte noch einmal, zusammen mit den Mädchen aus der ersten Klasse, ein ständiges Mitglied von Amoo Zanjir Baaf2 sein; die gleichen Mädchen von den ich weiß, dass sie in ein paar Jahren in ihre Tagebücher schreiben werden „Ich wünschte ich wäre nie als Mädchen geboren“.
Ich weiß ihr seid erwachsen geworden und werdet heiraten, aber für mich bleibt ihr die gleichen vollkommenen Engel, die immer noch den Kuss von Ahura Mazda auf ihren wunderschönen Augen tragen. Wer weiß, wenn ihr Engel nicht in solcher Armut und solchem Schmerz geboren währet, könntet ihr jetzt Unterschriften für die Eine Million Unterschriften Kampagne sammeln. Oder wenn ihr nicht in dieser Ecke von „Gottes vergessenem Land“ geboren währet, müsstet ihr nicht mit 13 Jahren, die Augen voller Tränen, unter dem „weißen Band von Weiblichkeit“ und der Erfahrung des „zweiten Geschlecht’s harter Geschichte“, Ade zur Schule sagen.
Mädchen vom Land von Ahura, morgen, wenn ihr Blumen in den Tälern pflücken werdet, um daraus Kronen für eure Kinder zu machen, erzählt ihnen von der Reinheit und dem Glück eurer Kindheit.
Jungs aus dem Land der Sonne, ich weiß, ihr könnt nicht mehr mit euren Mitschülern sitzen, singen und lachen, weil nach der Traurigkeit des Erwachsenwerdens, erlebt ihr den Kummer das „Brot verdienen zu müssen“. Erinnert euch, euch nicht von euren Gedichten, Liedern, Leyla’s und Träumen abzuwenden. Bringt euren Kindern bei, Kinder von „Poesie und Regen“ ihres Landes zu sein; für das Heute und das Morgen.
Ich überlasse euch dem Wind und der Sonne, so dass ihr in naher Zukunft, eurem Land Lektionen von Liebe und Aufrichtigkeit singen könnt.
Euer Kindheitsfreund, Spielkamerad und Lehrer
Farzad Kamangar
– Rajaj Shahr Gefängnis, Karaj
28 Februar 2008
— Fußnoten —
1.„Vater bringt Brot“ ist der erste Text, der Kindern in der Grundschule im Iran, auf Farsi beigebracht wird.↩
2.Ein altes persisches Kinderspiel.↩
