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Letztes Spiel und Neubeginn

by rcadmin

WELAT ŞIYAR

Bekanntlich weiß jeder, dass wir Menschen alle unterschiedlich sind. Am besten können wir das an unseren getroffenen Entscheidungen messen. Vor allem die Entscheidungen, die wir in jungen Jahren treffen und welche unser Leben von Grund auf ändern. Manche Begebenheiten ändern uns vielleicht minimal oder sind weniger relevant für unseren Lebensweg. Andere Lebensereignisse werden wiederum unser Leben komplett verändern.

Besonders packend finde ich Folgendes: Nämlich, wie Lebensereignisse verschiedenster Menschen sie zusammenbringt – und zwar zu der kurdischen Freiheitsbewegung. In der PKK siehst du Menschen mit verschiedenster Herkunft und verschiedenster Vergangenheit. Vor allem unterscheidet sich immer der Beweggrund, sich der Partei anzuschließen. Rêber APO hat es mit seiner Ideologie geschafft, dass wir gemeinsam denselben Kampf gegen Kapitalismus, Faschismus und gegen das Patriarchat anstreben und führen. Rêber APO war es auch, der mich mit vielen neuen, wunderschönen Menschen zusammenbrachte. Diesen Weg gingen bereits auch all die heldenhaften MärtyrerInnen. Auch sie hatten verschiedene Bewegründe und verschiedene Lebensgeschichten. Ich kann nicht für all die GenossInnen und MärtyrerInnen sprechen, aber ich kann erzählen, welche Ereignisse dazu geführt haben, dass ich mich vor wenigen Jahren dazu entschieden habe, der Partei beizutreten.

Wann genau ich die PKK und Rêber APO kennengelernt habe, kann ich nicht exakt sagen. Meine Familie sympathisierte schon seit je her mit der kurdischen Freiheitsbewegung. Ist das aber schon der einzige Auslöser für meine Entscheidung, der Partei beizutreten? Darauf kann ich schnell eine Antwort geben. Nein. Nur weil ich in eine Familie reingeboren wurde, die sich mit der PKK verbunden fühlt, habe lange nicht das Bewusstsein gehabt, dass ich auch der Partei beitreten müsste. Ich muss ehrlich mit euch sein. Ich wusste, obwohl meine Familie der Partei nahe stand, bis zum 15. Lebensjahr nicht, was genau die PKK ist. Wie viele andere Jugendliche dachte ich, es reiche schon aus, aus einer parteinahen Familie zu kommen. Seid doch mal ehrlich, viele von euch verhalten sich so, wie auch ich mich damals verhalten habe.

Ich bin Kurde oder Kurdin, ich spreche kurdisch oder meine Familie sympathisiert mit der PKK und das reicht doch schon aus, oder? Dabei hatte ich nicht mal wirklich viel Ahnung von der kurdischen Kultur, die kurdische Sprache zu sprechen reichte völlig aus. Meine Mutter legte immer viel Wert darauf, zu Hause Kurdisch zu sprechen. Das Gute daran war, dass ich durch die kurdischen Kenntnisse, MED – TV (ehemaliger kurdischer Sender) sehen und verstehen konnte. Ich erinnere mich genau, wie ich als Kind wie gebannt vor dem Fernsehen saß und die Bilder von Guerillas auf den Bergen geschaut habe. Diese Bilder und Videos haben mich schon seit meiner Kindheit geprägt. Oder wenn die Kamera durch Kurdistan schwenkte, fühlte sich das an wie eine ferne Kurdistanreise. Ich hatte seit meiner Kindheit Heimweh nach Kurdistan. Die Umgebung, in der ich aufwuchs, stand total im Kontrast zu dem wunderschönen Kurdistan.

Ich bin in einer kleinen Region in Deutschland aufgewachsen. In der Kleinstadt hatte ich kaum Kontakt mit KurdInnen. Ich hatte deutsche, albanische und kroatische FreundInnen. Wir trafen aber immer wider auf Faschisten, überwiegend deutsche Neonazis aber auch vereinzelt türkische Faschisten. Wir haben uns immer auf Naziaufmärsche und auf den ersten Mai gefreut, um den ein oder anderen Faschisten zu schlagen. Auf der Straße oder auch in der Schule trafen wir auch vereinzelt auf rechte Leute.

Als ich am 09.01.2013 mal wieder von der Schule kam und Fernsehen sah, kam in den Nachrichten eine Meldung, dass drei kurdische Aktivistinnen in Paris in einem Büro erschossen worden sind. Es waren Bilder zu sehen, wie die Leichnamen aus dem Gebäude gebracht worden sind. Bei den 3 Frauen handelte es sich um die revolutionären Märtyrerinnen Sara, Ronahî und Rojbîn. Ich habe erstmal gar nicht verstanden, worum es genau ging. Ich habe nur gewusst, dass der türkische Staat auch hier in Europa nun aktiv kurdische AktivistInnen ermordet. Besonders der Mord an Şehid Ronahî, eine junge Frau, aufgewachsen in Europa hat mich am meisten beeinflusst, denn sie wuchs nicht weit von uns entfernt auf, wie ich später in Berichten und Nachrichten gelesen habe. Dies brachte mich zum Nachdenken. Ich fing an, mich mehr mit der kurdischen Freiheitsbewegung zu interessieren, also las ich so viel Nachrichten und Texte wie ich konnte.

Beim Fußballtraining und auf der Arbeit hat sich die Suche nach der Identität noch weiter intensiviert. Beim Verein hatte ich auch kurdische Trainingspartner, die mich in der Anfangszeit sofort unterstützt haben. Im Fußballverein haben wir unter uns Kurden oft nach dem Training geplaudert. So kam ich immer mehr in Kontakt mit anderen KurdInnen. Und auf der Arbeit interessierten sich überwiegend Deutsche für meine Herkunft, da ich in einem kleinen Ort lebte, wo es wenige Ausländer gab. Sie haben Gespräche mit mir gesucht und nach meiner Herkunft gefragt. Da es zu dem Zeitpunkt auch in den deutschen Medien viele Berichte über den Kampf gegen den IS gab, kamen die Deutschen auf mich zu, um sich über den Kurdenkonflikt zu unterhalten. Da sie wenig wussten, stellten sie mir Fragen wie: „Was ist der Unterschied zwischen euch und Türken? Seid ihr Kurden nicht auch alles Muslime? Warum bringt ihr euch gegenseitig um?“. Da ich mich nicht ausreichend über den Konflikt im Nahen Osten gebildet hatte, beziehungsweise noch dabei war, mich mehr darüber zu informieren, konnte ich nicht auf alles eine Antwort geben. Dies machte mich innerlich sehr wütend, wenn ich keine Antwort fand. Ich bestand darauf, dass all die Menschen um mich herum, mich als Kurde und Kurdistan anerkennen würden. Ich hatte es damals nicht bemerkt, als Kompensation zur Wissenslücke, hatte ich bei meinem Kämpfen stets T-Shirts vom kurdischen Freiheitsbewegung an oder hörte hörbar kurdische Musik. Dies war eins der Schwächen und Widersprüche, die mich an mir sehr störten. Ich hatte mich dafür geschämt. Ein Jahr später dann als der IS, Kobanê und Şengal angegriffen hat, hat der Widerstand der KurdInnen auch in den kleinsten Städten Europas beflügelt. Zu dem Zeitpunkt gab es täglich Demonstrationen, Aktionen und Auseinandersetzungen auf den Straßen Europas.

Währenddessen gab es in der Heimat jeden Tag Jugendliche, die in diesem historischen Widerstand als unsterbliche HeldInnen gefallen sind. Zu den tapferen HeldInnen gehörte auch meine Cousine. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass sie in der Heimat gegen den IS kämpfte. Eines Tages saß ich gemeinsam mit meinen Eltern vor dem Fernsehen und ich erinnere mich sehr gut, wie mein Vater schnell zum Hörer griff, nachdem er einen ihm bekannten Namen im Fernsehen gelesen hatte. In den Nachrichten blendeten sie die Namen der gefallenen MärtyrerInnen, die kürzlich in den Kampf um Kobanê gefallen sind, ein. Wie mein Vater schnell herausfand, war eine/r von den Gefallenen meine Cousine. Da saß ich nun, am gut gedeckten Esstisch, während meine Cousine vor wenigen Stunden in der Heimat gefallen ist.

Dieser Moment, als ich stumm am Tisch saß, während meine Eltern aufgeregt am Telefonapparat in der Wohnung auf und abgingen und die Bilder der MärtyrerInnen die im Fernsehen liefen, verging in Zeitlupe. Das Ergebnis brachte mich mehr dazu, über meine Rolle innerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung nachzudenken. Es konnte doch nicht sein, dass in Kurdistan meine Cousine fällt und ich hier ruhig sitze. Meine Gedanken schweiften im Alltag immer länger ab. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, in Kurdistan gegen die Besatzerarmee zu kämpfen. Schulter an Schulter mit GenossenInnen.

Das hat meine Lebenseinstellung immer mehr und mehr beeinflusst. Meine Gedanken waren immer öfter in der Heimat, bei den Geschehnissen in Kurdistan und immer mehr beim Widerstand. Ich nahm immer öfter an Aktionen teil. So grenzte ich mich automatisch von Menschen ab, die kein politisches Interesse hatten. Nur den Sport führte ich weiter. Außerhalb der Sportpartner und die Menschen, die mit auf Aktionen gekommen sind, habe ich mich immer mehr und mehr von apolitischen Menschen ferngehalten. Ich weiß nicht mehr, ob ich es mir damals schon bewusst war, dass ich in der kurdischen Freiheitsbewegung ein neues zu Hause fand. Ich war dann bald nicht mehr zu bremsen, meine Gedanken kreisten sich nur noch um den Kampf gegen den Feind, um den Widerstand, um Kurdistan, um meine Identität. Man musste mir nur sagen „kämpf für dein Volk“, dann trainierte ich doppelt so hart. Mein Tagesablauf hatte kein Platz mehr für unnötigen Kram, ich trainierte, ich arbeitete und der Rest gehörte den politischen Arbeiten. Meine Ausbildung, die ich einst gerne verrichtete, wurde zur einer Last. Es störte mich, dass ich meine Zeit nicht mehr für politische Zwecke, für Kurdistan nutzen konnte. Ich musste eine Lösung finden, ich konnte doch nicht kostbare Zeit im Betrieb vergeuden, während in Kurdistan weitere tapfere MärtyrerInnen fallen.

Ich denke vielen Jugendlichen geht es so, aber wie auch einst ich meine Bequemlichkeit nicht aufgeben konnte, so können das viele von euch heute auch nicht. Aber auch ihr werdet bestimmte Lebensereignisse erleben und dann wird diese zu einer Entscheidung führen. Bei mir waren es die großen Widerstände in den Städten Kurdistans, am meisten war meine Aufmerksamkeit bei den Widerständen in Amed und Cizîr. Ich konnte meine Gedanken immer noch nicht richtig ordnen und konnte einfach den Entschluss, den ich in der Zeit in Kobanê in meinem Kopf schon gefasst habe nicht in die Praxis umsetzen. Ich konnte aus Gemütlichkeit einfach nicht meine längst gefasste Entscheidung in die Praxis umsetzen. Zu dieser Zeit war ich mit meinen Eltern in der Heimat, um meine Großeltern zu sehen. Das traf sich gut, denn ich wollte einfach wieder Kurdistan sehen. Als wir dann in die kurdischen Städte gegangen sind, konnten wir das sehen, was der türkische Staat mit Amed – Sûr angestellt hat, bzw. was der Feind in Amed – Sûr hinterlassen hat. Oder die anderen Städte wie Nisêbîn und Cizîr.

Als ich erfahren habe, dass Şehîd Kawa Çekdar, ein Guerillakämpfer aus Berlin in Nisêbîn gefallen war, war es für mich längst unerträglich geworden. Dort habe ich längst wieder meinen Entschluss, in die Reihen der PKK beizutreten nur noch weiter vertieft. Es wurde unerträglich, denn überall, wo man sich bewegte, hat der türkische Staat auf Provokationen gesetzt, ob es Kontrollen waren, Androhungen scharf zu schießen oder einfach nur an jedem Fahnenmast in Kurdistan die türkische Fahne runterhängen zu lassen.

Zurück in Deutschland kam mir der Alltag noch absurder vor. Vor paar Stunden noch die Kriegsrealität in Kurdistan gesehen und schon wieder zurück zum Alltagstrott in Deutschland. Nicht nur das, da war jetzt noch eine große Leere. Alles machte ich gezwungenermaßen, ohne große Emotionen. Meine Wut konnte ich immerhin noch beim Sport auslassen. Ich war schon gut dabei beim Fußball, mein Team hatte sich in der Liga gut behauptet . War das eine Art Trostpreis für mich? Nachdem wir bei jedem Turnier gewonnen haben und dies gefeiert hatten, fiel meine Stimmung in den Keller.

Denn ich stellte mir dann sofort die Frage: „Wie sehr kannst du dich freuen, wenn in Kurdistan der Kampf tobt? Was ist dieser Sieg schon wert?“ Schon wieder war das einer dieser lebensentscheidenden Momente, die in Zeitlupe vergingen und alles um dich herum wie eine Parallelwelt erscheinen ließ, weil du so tief in Gedanken versunken bist. Ich sah mich um, während die Leute um mich herum mich und mein Team bejubelten. Ich konnte sie nur verzerrt wahrnehmen, weil mein Herz schon in Kurdistan war. Ich wusste endlich bescheid, ich wusste, was ich als nächstes tun wurde, was ich tun musste. Die freien Berge Kurdistans! Das konnte ich nur noch denken. Ich teilte meinen Entschluss mit engen FreundInnen. Mein Abschied, von meinen FreundInnen, Familie und meinem alten Leben, fand bei meinem letzten Fußballspiel statt. Es war ein sehr symbolischer Moment für mich. Nach unseren letzten gewonnen Fußballspiel, bin ich der kurdischen Freiheitsbewegung beigetreten. Ich hatte den Kampf nicht nur auf dem Feld gewonnen. Nein, der eigentliche gewonnene Kampf, war die richtige Entscheidung zum richtigen Moment zu treffen. Ich war aufgeregt, nicht wegen des Ligaaufstiegs, nein – wegen der Revolution, dessen Teil ich auch nun wurde.

Was ist mit euch? Wann werdet ihr eure Geschichte schreiben? Ich gebe euch nun die Möglichkeit, diese aufzuschreiben. Jedoch geht das nur, wenn ihr auch zur richtigen Zeit, die richtige Entscheidung trefft.

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