Liebe zum Land und Internationalismus

RÊBER APO schreibt über das Verhältnis zwischen Internationalismus und Patriotismus und über die Ursprünge und wahren Bedeutungen dieser Begriffe.

RÊBER APO

“Die Bedeutung der beiden Begriffe Internationalismus und Patriotismus wie auch das Verhältnis zwischen ihnen hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder gewandelt. Ein geographisches Gebiet, in dem sich eine Gesellschaft dauerhaft niedergelassen und einen Zusammenhang zwischen Unterbau und Überbau der Produktion geschaffen hat, wird Heimat oder Land genannt. Internationalismus bezeichnet das Niveau der zu einer Gemeinschaft in einer anderen Heimat aufgenommenen Beziehungen. Diese beiden Begriffe haben seit der ersten sesshaften Gesellschaft, der neolitischen Kultur, eine Bedeutung. Ebenso notwendig wie die Heimat ist auch die Beziehung zwischen zwei Heimaten. Ohne sie hätte es keinerlei historische Entwicklungen gegeben. Häufig werden die Grenzen eines politischen Herrschaftsgebietes mit Heimat verwechselt. Fälschlicherweise wird auch angenommen, dass es in einem Land nur eine Nation und eine Sprache geben könne.

Es kann sowohl sein, dass in einem einzigen Land mehrere Völker und Sprachen nebeneinander existieren, wie auch umgekehrt in mehreren Ländern nur eine Nation und eine Sprache vorkommen kann. Beispielsweise existieren im Land Russland mehrere Nationen und Sprachen, während die Türken als eine einzige Nation in mehreren Heimatländern leben. Aus kurdischer Sicht hat die Angelegenheit zwei Seiten. Obgleich Kurdistan historisch geteilt und die Sprache stark eingeschränkt wurde, haben Kurdinnen und Kurden eine Heimat und können gleichzeitig das Land innerhalb der Grenzen des jeweiligen Staates, unter dessen Dach sie sich befinden, als offizielle Heimat erleben. Ähnlich der alten Stammeszugehörigkeit hat eine übertriebene Fixierung auf Grenzen angesichts der technologischen Entwicklung an Bedeutung verloren; eine sich entwickelnde Tendenz geht dahin, die Welt als eine gemeinsame Heimat anzusehen.

Die Achtung der kulturellen Existenz der Heimatländer bei gleichzeitigem Teilen mit anderen Menschen ist eine der wichtigsten Eigenschaften unserer Epoche. Damit sind Patriotismus und Internationalismus enger miteinander verknüpft denn je. Die prosaische Parole von der Handvoll Heimaterde war insbesondere ein Grundsatz der starren Nationalisten des 19. Jahrhunderts und bringt unter den heutigen Bedingungen dem Vaterland mehr Schaden als Nutzen. Ein zeitgemäßer Patriotismus bedeutet, das jeweilige Land zu bereichern, es materiell und ideell lebenswert zu gestalten und dies mit der Menschheit zu teilen. Nicht für den falschen Nationalismus der Herrschenden, sondern für die gemeinsame Heimat der Völker auf Grundlage von Freiheit und Gleichheit mit den Methoden der gemeinsamen Einheit und Aktivität zu kämpfen, bedeutet wirklichen Patriotismus.

Die Kurden leben seit Tausenden von Jahren einen verschlossenen Traditionalismus in enggefassten Stammesverbänden. Abgesehen von kleinen Elite, die mit der herrschenden offiziellen Gesellschaft zusammenarbeitet, ist die kurdische Gesellschaft sprichwörtlich aus allen Epochen ausgestoßen und zur Zeitlosigkeit verurteilt. Sie hat sich einer hilflosen Mentalität hingegeben, die alles als Schicksal auffasst. Es fehlt ihr deutlich an einer kritischen und Abhilfe suchenden intellektuellen und psychischen Verfassung. Die harsche Unterdrückung und religiöse Propaganda von Jahrhunderten hat sie daran gewöhnt, alles, sogar sinnlose und ungerechte Todesfälle, in dankbarer schicksalhafter Ergebenheit hinzunehmen. Aus dieser Situation heraus entstehen aber umgekehrt von Zeit zu Zeit heftige Ausbrüche und
Aufstände. Aufgrund ihrer inneren und äußeren Bedingungen kann die kurdische Gesellschaft weder eine eigene offizielle Gesellschaft hervorbringen, noch kann sie in breiterem Umfang an der herrschenden offiziellen Gesellschaft teilhaben.

Einzig die historischen HamidiyeRegimenter [Anm.: von Stammesfürsten angeführte kurdische Truppen, die v.a. im 19. und frühen 20. Jahrhundert für das osmanische Reich kämpften. Diesen Regimentern kommt u.a. eine unrühmliche Rolle als gewissenlose Vollstrecker des Völkermordes an den Armeniern zu.] und die heutigen Dorfschützer-Einheiten [Anm.: von der Regierung bewaffnete kurdische Paramilitärs, die gegen die PKKGuerrilla eingesetzt wurden und weiterhin bestimmte Landstriche und Dörfer kontrollieren.] zählen in diesem Sinne zur herrschenden offiziellen Gesellschaft.

Die krisengeschüttelte Traditionsgesellschaft erlebt heute einen schwerwiegenden Zusammenbruch. Die daraus entstehenden revolutionären und aufständischen Organisationen bleiben erfolglos und können für die ausweglose Lage keine Konzepte anbieten, da das Ungleichgewicht der Kräfte zu groß ist und sie über keinerlei strategische Verbündete verfügen. Deshalb wird die Zivilgesellschaft für die Kurden zu einer wichtigen lösungsorientierten gesellschaftlichen Kraft, die es auszuprobieren gilt. Anstelle der traditionellen, offiziellen oder aufständischen Gemeinschaften, die vorhandene Krisen nur verschärfen, stellt die Perspektive einer Vielzahl an zivilgesellschaftlichen Organisationen und Aktionsformen, die sich an den vor ihnen liegenden Aufgaben orientieren und sich in den Zusammenhang eines breitgefächerten, koordinierten Projektes Zivilgesellschaft mit seinerProgrammatik stellen, eine Gesellschaftsform dar, die mit jeweiligen Organen im wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, politischen, ökologischen, rechtlichen, sportlischen, künstlerischen, geschichtswissenschaftlichen Bereich die kurdische Gesellschaft aus ihrer ausweglosen Situation herausholen und in eine moderne demokratische Gesellschaft umwandeln können.”

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