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Lieber Ronaldo als Egîd

by rcadmin

Lieber Ronaldo als Agid, oder warum sich die Jugend mehr an Fußballstars als an Revolutionären orientiert.

Dîrok Dirêj

In einem Gespräch, dass ich letztens mit einem Freund führte, unterhielten wir uns über die Jugend und die Revolution. Also genauer gesagt darüber, warum sich die Jugend mehr an Cristiano Ronaldo und Madonna, als an Heval Agid oder Hevala Sara orientiert. Wie kann es sein, dass diese wertvollen Menschen, diese Freundinnen und Freunde, die ihr Leben aufgegeben haben um Kurdistan zu befreien und für alle Menschen ein gutes Leben zu erkämpfen vielen Jugendlichen weniger Vorbild sind als Fußballer, Models oder Sängerinnen. Wie kann es sein, dass obwohl wir alle ihre Namen kennen, alle geweint haben, als die Freundin Sara (Sakine Cansız) im Januar 2013 in Paris erschossen wurde, uns doch im Leben so wenig an ihr orientieren. Sowohl Hevala Sara als auch Heval Agid ließen damals alles zurück um sich einer Idee anzuschließen, die gerade erst geboren war. Aber aus dem Drang heraus, das Leiden in Kurdistan nicht mehr ertragen zu können und mit dem Wissen, dass man nur durch eigene Handlung die Welt verändern kann. Ihnen war klar, dass es ohne Kampf keine Befreiung und ohne Befreiung kein Leben in Würde geben konnte. Sie waren die Freundinnen und Freunde, die dafür gesorgt haben, dass die Menschheit heute Kurdistan und die PKK kennt.

Ist die Revolution kein Traum der Jugend mehr?

Warum ist der Weg von Agid oder Sara, von Che Guevara oder Rosa Luxemburg etwas, dass für uns kaum noch Bedeutung hat? Warum blättern wir lieber durch die Facebook-Timeline anstatt durch die Biografien der vielen gefallenen Revolutionäre?

Ich kann mich noch an die Zeit von Kobanê erinnern, als ich jeden Tag an nichts anderes mehr dachte, als die Freundinnen und Freunde der YPJ/YPG. Ich sah täglich die Videos des Widerstandes und schließlich des ersten Sieges über den IS. Noch heute überkommt mich Gänsehaut, wenn ich die Bilder sehe. Damals dachte ich viel darüber nach, warum ich nicht einfach alles hier stehen und liegen lassen sollte. Einfach alles zurücklassen um das Leben zu verteidigen. Was hatte das Leben hier schon für eine Bedeutung? Kann es etwas Bedeutungsvolleres geben als den Kampf für Freiheit. Kann es etwas Wertvolleres geben, als unermüdlich dafür zu arbeiten, Kurdistan aus den Händen der Besatzer zu befreien.

Doch aus irgendeinem Grund bin ich damals nicht gegangen. Irgendwie hielt mich der Gedanke an meine Familie zurück. Aber auch die Serien die ich damals guckte, wischten die Gesichter der Gefallenen und damit den Gedanken an Rojava immer wieder aus meinem Kopf. Vielleicht auch ein bisschen die Liebe damals.

Ich zog es am Ende doch lieber vor, ein bequemes Leben zu führen. Ein Leben was sich eigentlich immer an den gleichen Orten (Familie, Freund und Arbeit) abspielte. Was immer von den gleichen Sachen bestimmt war. Gespräche über Fußball, Wetten, Autos, andere Leute, über Geld und wofür man es ausgeben konnte. Und natürlich darüber, nicht genug davon zu haben.

Von einer Jugend, die die Sklaverei liebt und die Freiheit hasst ODER Sport, Kunst und Sex um die Jugend zu unterdrücken

Nicht genug Geld zu haben ist vielleicht das, womit man den Kapitalismus am besten beschreiben kann. Es ist ein System, in dem es ein paar Menschen gibt, die so reich sind, dass sie das ganze Geld das sie haben gar nicht ausgeben können und auf der anderen Seite leben Millionen Menschen auf der Welt in Armut und Hunger. Doch sie alle werden von dem Gedanken getrieben „irgendwann man viel Geld zu haben“. So funktioniert das System. So einfach. Ein bisschen wie ein Hamsterrad. Man läuft und läuft und erreicht doch das Ziel nicht. Denn das System ist so aufgebaut, dass es nie allen Menschen gut gehen kann. Das System funktioniert nur so, dass wenig viel haben und der Rest fast nichts. Aber weil es wie ein Rad ist und man nach vorne guckt, wo das möglich Ziel liegt, vergisst man auch einmal nach hinten zu schauen. Dann würde man nämlich sehen, dass das System schon seit 5000 Jahren so funktioniert. Das seit damals die Männer sich gegen die Frauen organsiert haben um sie zu unterdrücken. Damals im ersten Staat der Welt (Sumer) funktionierte die Sklaverei noch ganz offensichtlich. Es gab ein paar Priester und ein paar vom Militär und der Rest lebte als Sklaven und musste arbeiten. Bis heute hat sich an diesem System, das aufgebaut ist wie eine Pyramide (oben die wenigen Reichen und unten die vielen Armen) kaum etwas verändert. Nur das wir es nicht mehr sehen, weil es in den 5000 Jahren gelernt hat, sich gut zu tarnen. Oder vielleicht haben wir auch nur verlernt richtig hinzugucken?

Früher wurden sie wie Sklaven unterdrückt, sie mussten arbeiten und bekamen dafür gerade genug zu Essen, um zu überleben. Sie versuchten immer wieder sich gegen das System der Sklaverei aufzulehnen (z.B. der Spartakusaufstand in Rom), denn jeden Tag sahen sie diese Unterdrückung und sie wollten nichts mehr als in Freiheit zu leben.

Heute ist es genau anders herum. Die Menschen heute, leben in dem Glauben völliger Freiheit. Alle vier Jahre dürfen sie bei den Wahlen ein Kreuz machen und ansonsten arbeiten sie. Sie sind zufrieden geworden mit der Sklaverei. Mit diesem Leben, in dem man arbeitet um zu überleben. Denn wenn man nicht arbeitet, wenn man kein Geld hat, dann ist man nichts wert in dieser Welt. Die Sklaverei, die früher gehasst wurde von den Sklaven, wird heute von den Sklaven geliebt. Ihr großes Ziel ist nicht die Freiheit, sondern genau das Gegenteil. Das größte Ziel der Jugend ist verkauft zu werden. Ihr Vorbilder sind die, die für den höchsten Preis erstanden werden. Sklaven wie Christiane Ronaldo, Madonna, Angelina Jolie oder wenn es da sonst gerade noch gibt.

Das Ziel der Jugend, auch einmal für hunderttausende Dollar von einer Hand in die andere zu wandern. Was wir tagtäglich sehen und lernen ist genau das. Und wir haben verlernt oder wollen einfach nicht darüber nachdenken, wie falsch dieses Leben ist. Unser Blick wird mit verschiedenen Dingen vom wesentlichen weggelenkt.

Sport. Früher etwas Gemeinschaftliches, etwas für die Gesundheit des Körpers, ist heute zu einem Markt verkommen. Auf der einen Seite diese großen Spiele, wo nicht mehr zwei Mannschaften, sondern eigentlich zwei Firmen gegeneinander spielen. Auf der anderen Seite Fitness-Studios. Sport macht man nicht mehr für die Gesundheit, sondern um seinen Körper an ein Ideal anzupassen. Um auf diesem Markt der Körper besser Chance zu haben.

Kunst. Normalerweise die Ausdrucksform einer Gesellschaft. Heute jedoch geht es nur darum Geld zu machen. In hunderten verschiedenen Sendungen werden Superstars gesucht. Musik, die z.B. in der Zeit der 68er noch politische Inhalte hatte wurde mit der Zeit immer leerer. Vollkommen frei von Inhalt hat dies heute mit der elektronischen Musik oder der Arabesk-Musik seinen Höhepunkt erreicht.

Sex. Eigentlich Fortpflanzung und einer der natürlichen Triebe des Menschen, gibt es heute fast keinen Film, keine Serie, keine Werbung oder so, die ohne Sex oder nackte (Frauen-)Körper funktioniert. Selbst um eine Uhr, eine Flasche Wasser oder einen Burger zu verkaufen, wird ein nackter Körper auf das Plakat gedruckt. Die Porno-Industrie ist heute zu einem der größten Industrie-Zweige geworden, der eng mit der Kosmetik und Schönheitsindustrie verknüpft ist.

Unter anderem nutzt das System Sport, Kunst und Sex um besonders die Jugend abzulenken. Wenn wir ehrlich zu uns sind, umgeben uns diese Dinge fast den ganzen Tag und spielen in unserem Leben eine ziemlich große Rolle. Sie schaffen es, uns von den wesentlichen Dingen im Leben abzulenken. Die Jugend, die eigentlich einen Drang nach Freiheit hat, die immer neues schaffen will und sich weder durch Hindernisse noch Grenzen aufhalten lässt, wird mit Hilfe dieser Mittel genau davon weggezogen. Mit jedem Tag verspürt sie weniger die Ungerechtigkeit auf dieser Welt und immer schwächer wird der Glaube daran, dass ein (anderes) Leben möglich ist.

Die Entscheidung zwischen einem Leben in Freiheit oder keinem

Dieses System versucht mit allen Möglichkeiten die es hat, die Jugend auf einen falschen Weg zu führen. Auf einem Weg, auf dem sie nichts findet, aber den sie Leben nennt. Doch wenn man endlich erkennt, dass das, was man Leben nennt, eigentlich nur bedeutungslose Sklaverei ist, dann muss man sich entscheiden…

Wenn man sich die Geschichte von Sakine Cansız anguckt, dann hat sie eine Entscheidung getroffen. Sie hat sich entschieden, diese Unterdrückung ihres Volkes durch den türkischen Staat nicht mehr zu akzeptieren. Sie hat ihrem Leben mit dieser Entscheidung Bedeutung verliehen. Heute ist sie ein Symbol des kurdischen Widerstandes geworden.

Wenn wir uns Mahsum Kormaz (Agid) anschauen, ließ er Geld und Familie hinter sich. Als er sich dem kurdischen Befreiungskampf anschloss traf er eine Entscheidung gegen den Kolonialismus und für das Leben. Heval Agid wurde der erste Kommandant der ARGK und hunderttausende Kinder tragen heute seinen Namen.

Als vor einem Jahr der Widerstand der Zivilverteidigungseinheiten YPS/YPS-Jin in Bakur begann, kamen die Gedanken wieder. Die verbannten Menschen in den Kellern in Cizre. Diese mutigen Jugendlichen, diese Rozerîns, diese Gelhats, diese Serhildans. Die Bomben, die täglich auf die freien Berge Kurdistans fallen. Sie alle fordern von mir eine Entscheidung. Sie stellen mich vor die Entscheidung, vor der auch damals die Freundinnen und Freunde wie Mazlum Dogan, Haki Karer und Kemal Pir standen. Sie stellen mich vor die Entscheidung weiterhin darauf zu hoffen, bei der nächsten Wette vielleicht den großen Gewinn zu bekommen oder nicht auf das Glück zu warten, sondern es selbst zu machen. Sie stellen mich vor die Entscheidung meinem Leben Bedeutung zu verleihen.

Sie stellen aber auch dich vor eine Entscheidung….

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