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Mensch sein heißt militant sein-1

by rcadmin

STÊRKA CIWAN

Warum kämpfen wir? Wofür und mit welchen Maßstäben? Wodurch entwickeln wir die Kraft für unseren täglichen Widerstand gegen Staat und Kapitalismus? In den Büchern von Freundinnen wie Sakine Cansız, in den Filmen über Kämpferinnen wie Beritan aber auch in unseren alltäglichen Gesprächen miteinander stellen wir uns alle gemeinsam diese Fragen. Wir fragen uns, wie wir uns an dem Kampf um ein freies Leben beteiligen können. Was unsere Maßstäbe für unseren Kampf sind. Immer wieder scheinen wir fast zu verzweifeln in Anbetracht der Erwartungen, die wir an uns stellen. Wie lässt sich unsere Utopie mit unserer Realität vereinbaren? Manch eine_r von uns geht entschlossen voraus und sucht ständig nach neuen Herausforderungen, andere ziehen sich plötzlich und still zurück, als wären sie nie da gewesen. Dabei verbindet uns alle ein gemeinsamer Traum. Der Traum von einer demokratischen, frauenbefreiten und ökologischen Gesellschaft.

Leben entlang von Werten

Wir sind nicht die ersten Menschen mit diesem Traum. Schon seit Jahrtausenden kennen Menschen den Traum von einer moralischen, demokratischen und solidarischen Gesellschaft. Seit 5000 Jahren lebt der Widerstand gegen staatliche Unterdrückung, Ausbeutung und Vernichtung in den Geschichten der als Hexen beschimpften Frauen, als Barbaren bezeichneten Völker und als Terroristen gerufenen Widerstandskämpfer_innen. Die Geschichte des Schmiedes Kawa, die mittelalterlichen Kämpfe um Selbstverwaltung in den Städten und Dörfern Europas, die Entschlossenheit der kubanischen Revolution im 20. Jahrhundert: Wir sind heute die Fortsetzung dieser Widerstandsgeschichte und zehren von den Errungenschaften der vielfältigen Widerstandsbewegungen. Unser Widerstand gegen die Kapitalistische Moderne ist ein Kampf für Ideen, die viel älter sind als jeder Staat, viel menschlicher sind als jedes Herrschaftssystem.

Mit der kurdischen Freiheitsbewegung findet diese lange Widerstandstradition eine würdige Fortsetzung im Mittleren Osten. Seit 40 Jahren leistet unsere Bewegung ihren Beitrag dafür, dass alle Menschen so leben können, wie sie es sich vorstellen. Was heute in Kurdistan erkämpft wird, basiert auf den Kämpfen der letzten Jahrtausende für Selbstverwaltung und Selbstverteidigung. Erinnern wir uns an die Fragen, die wir uns zu Beginn des Textes gestellt haben. Die Antwort auf das ‚Warum‘ und ‚Wofür‘ unseres Kampfes finden wir in der Widerstandsgeschichte der Menschheit. Bleibt noch die Frage nach der Quelle der Kraft für unseren Kampf im Mittleren Osten und Europa.

Wir Menschen ziehen unsere Kraft aus Ideen. Natürlich hat alles eine materielle Grundlage. Wir brauchen körperliche Kraft, Nahrung und Waffen, um unseren Kampf führen zu können. Aber die Grundlage aller gesellschaftlichen Umbrüche, aller menschlichen Anstrengungen ist der Glaube an eine Idee. Wir nennen unsere Idee den „Demokratischen Konföderalismus“ und stehen damit in der Tradition sozialistischer Ideengeber_innen. Zentrale menschliche Werte wie Freiheit und Gleichheit liegen unserer Idee zugrunde. Eine Idee bleibt aber abstrakt, wenn sie nicht mit dem Leben verbunden wird. Erst durch den Bezug zu unserem Leben wird eine Idee verständlich, schön und erstrebenswert. In den fünf wichtigsten Werten unserer Bewegung lebt der Traum vom Demokratischen Konföderalismus und wird praktisch: Heimatliebe, revolutionär sein, Hevaltî, Serokati und unsere Şehits. Je besser wir diese Werte verinnerlichen, desto stärker wird die Grundlage unsere Kampfes sein.

Aus der Liebe zu unseren Dörfern, Bergen und Flüssen Kurdistans ziehen wir die Kraft für unseren Kampf. Denn was verteidigt der Mensch leidenschaftlicher als den Ort seiner Herkunft, seiner Geschichte und Kultur? Unser Bewusstsein für unsere Heimat gibt uns ein Bewusstsein für die Schönheit und den Sinn unseres Kampfes. Je stärker unser Bezug zu unserer Heimat, desto stärker ist auch der Bezug zu uns selbst. Denn kein Mensch kann ohne die Kultur, Natur und Geschichte seiner Heimat verstanden werden. Heimat bedeutet für uns nicht etwas eingegrenztes oder exklusives. Die Liebe und das Bewusstsein für Heimat ist für uns immer mit der Liebe zur ganzen Welt verbunden. Heimatliebe und Internationalismus ergeben also zusammen ein Ganzes, das ohne seine Einzelteile zerfallen würde.

Revolutionär zu sein heißt dem grundlegenden Prinzip des Universums nach stetiger Veränderung, Verbesserung und Verschönerung zu entsprechen. Es ist also ein immer währender Prozess, der Stillstand, Machtzentrierung oder hierarchische Strukturen ausschließt. Alles ist ständig in Bewegung, beeinflusst sich gegenseitig, strebt mal auseinander und mal zusammen. Auf Grundlage dieses Bewusstseins heißt revolutionär sein immer Widerstand gegen Unterdrückung und staatliche Machtmonopole. Je nach geschichtlicher Epoche sieht dieser Widerstand anders aus, aber die grundlegenden Prinzipien im Kampf gegen Staat und Unterdrückung bleiben gleich. Unser wichtigstes Ziel auf diesem Weg ist die enge Verbindung mit der Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Wir können keinen Kampf für die Gesellschaft führen, ohne ein Teil von ihr zu sein. Der Kampf für die Gesellschaft, also für das vielfältige, kreative und friedliche Miteinander, bedeutet für uns revolutionär zu sein. Dafür arbeiten wir ständig am Bewusstsein von uns selbst, unser Umgebung und der ganzen Gesellschaft. Denn ohne alternatives Bewusstsein kann es auch kein alternatives System geben. Wie gesagt, die Idee ist der stärkste Antrieb für gesellschaftliche Umbrüche. Aus unserem Bewusstsein nährt sich unser Hass auf das kapitalistische System und jede Form von Staatlichkeit. Bewusstsein wird zum Gefühl und das Gefühl führt uns zur Tat. Denn neben dem ideellen Kampf führen wir auch einen praktischen. Unsere Werte und Ideologie wären unbedeutend, wenn wir sie nicht auf vielfältige Art und Weise in die Praxis umsetzen würden.

Ein dritter wichtiger Wert der kurdischen Freiheitsbewegung ist Hevaltî. Wir haben den Anspruch aufrichtige, politische und vertrauensvolle Beziehungen miteinander zu führen. Nur so können wir uns gegenseitig die Kraft geben, leidenschaftlich Widerstand zu leisten. Hevalno zu sein bedeutet ständig aneinander zu arbeiten, sich gemeinsam zu entwickeln und wie das Universum stetig nach Veränderung und Verbesserung zu streben. Dafür ist unsere wichtigste Methode Kritik und Selbstkritik. Ohne die Bereitschaft sich liebevoll und respektvoll gegenseitig zu kritisieren, verkommen unsere Beziehungen zu liberalen Freundschaftsbeziehungen wie sie uns tausendfach im Alltag vorgelebt werden. Für uns bedeutet Freundschaft Zielstrebigkeit, Aufopferungsbereitschaft und Haltung in unserem gemeinsamen politischen Kampf. Hevaltî ist also unsere Art der Selbstverteidigung gegen leere, lieblose und materialistische Beziehungen, die uns im Kapitalismus als normal verkauft werden. Wo unsere Beziehungen nicht von Hevaltî geprägt sind, wird Politik zum Hobby. Wenn wir uns aber einander mit gemeinsamen Werten und einer politischen Haltung annähern, können wir die notwendige tiefe Verbundenheit für unsere Arbeiten entwickeln.

Keine Gesellschaft, kein Kampf, keine Organisierung hat je ohne Führung Erfolge erzielt. Um uns gegen den liberalen Mythos des erfolgreichen Einzelkämpfers zu verteidigen, geben wir uns in unserem Kampf bewusst eine Führung und übernehmen selbst immer wieder Führungsverantwortung. Mit diesem Bewusstsein sehen wir Abdullah Öcalan als unseren Wegweiser und Ideengeber an. Wir verstehen ihn nicht nur als Person, sondern betrachten ihn als Institution. Führung ist nichts, was ein Individuum von oben herab über eine Gesellschaft ausführen kann. Dieses hierarchische und monopolistische Verständnis von Führung dient nur der Aufrechterhaltung kapitalistischer Machtverhältnisse. Wir bezeichnen Abdullah Öcalan als Serokatî, weil er in seiner Person die wichtigsten Prinzipien von Führung repräsentiert: Voraussicht, Einfühlsamkeit, Erfahrung, Streben nach Erkenntnis und Wahrheit, Kreativität und Hingabe für den Kampf. Demokratische Führung orientiert sich nicht an Machtsymbolen, Besitz oder individuellem Ruhm. Wir verehren keine Personen, sondern die revolutionären Prinzipien, für die eine Person steht. Unsere Anerkennung für die Prinzipien, das Denksystem und die Paradigmen von Serokatî zeigen wir, indem wir beharrlich versuchen sie zu verstehen und umzusetzen.

Allen Menschen, die als Teil unseres Widerstandskampfes gefallen sind, messen wir allerhöchsten Wert bei. Genauso wie unsere Bewegung eine Frauenbewegung ist, verstehen wir sie auch als eine Bewegung der Şehits (kurd.: cangorî). Denn sie verpflichten uns dazu, ihren Taten gerecht zu werden und ihren Kampf unablässig weiterzuführen. Zugleich erinnern uns ihre Taten daran, mit der nötigen Bescheidenheit und Aufopferungsbereitschaft an unsere Arbeiten heranzugehen. I

n unseren Taten leben die Werte und Ziele der Şehits weiter. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir mit unserer Verehrung der Şehits nicht den Tod, sondern das Leben verehren. Denn sie haben alles für ein freies Leben gegeben und bewiesen mit ihren Taten stets die notwendige Demut vor dem Leben. Hayri Durmuş brachte diese Haltung zum Ausdruck, als er sagte: „Ich wünschte ich hätte mehr als mein Leben geben können.“

„Wir haben uns nie dem Sozialismus sehr utopisch angenähert. Das war für uns nie irgendetwas ganz weit Entferntes. Wir haben eher geguckt, wie lassen sich Sozialismus, Freiheit und Gleichheit verwirklichen. Wie können wir selbst zumindest bei uns anfangen diese Grundsätze in unserem Leben umzusetzen? Wir haben immer Hoffnungen und Utopien gehabt, die wir nicht auf zukünftige Generationen projizieren wollten. Stattdessen haben wir angefangen unsere Utopien und Hoffnungen im Hier und Jetzt umzusetzen.“ – Hevala Sara (Sakine Cansiz)

 

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