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Mensch sein heißt militant sein-2

by rcadmin

STÊRKA CIWAN

Revolutionär denken, revolutionär fühlen, revolutionär handeln

Die Werte unserer Bewegung zeigen uns eines sehr deutlich: Revolution ist immer ein Teil unseres Lebens. Unser Kampf für eine freie Gesellschaft ist mit all unseren Gedanken, Gefühlen und Taten verbunden. Wir kämpfen nicht erst, wenn wir mit unserem alten Leben abgeschlossen haben. Nicht erst in Kurdistan werden wir zu Revolutionär_innen. Es wäre falsch und hinderlich, wenn wir unsere Werte und Ziele aus der Distanz betrachten würden. Die Worte von Hevala Sara zeigen uns sehr deutlich: Der große Sprung ist nur möglich, wenn wir täglich viele kleine Schritte machen. Nichts anderes bedeutet es eine militante Persönlichkeit zu entwickeln und ein militantes Leben zu führen. Das gilt für uns, genauso wie für die Freund_innen, wo immer sie auch kämpfen. Wenn wir von einer militanten Persönlichkeit sprechen, meinen wir also alle Menschen, die sich für eine freie Gesellschaft einsetzen. Das sind die Freund_innen in den Bergen Kurdistans, den Städten Europas und dem Rest der Welt. Und das sind wir.

Je klarer unsere Vorstellung von einer militanten Persönlichkeit ist, desto zielstrebiger können wir an uns selbst und unseren Freund_innen arbeiten. Wenn aus Sicht der Kapitalistischen Moderne von Militanz oder Radikalismus gesprochen wird, meint man dogmatisches oder unbedachtes Handeln. Wir aber meinen etwas ganz anderes, viel komplexeres und Schöneres. Wir meinen sehr klare Maßstäbe, an denen wir uns tagtäglich orientieren können und somit unsere Verbindung zu unserer Bewegung und unserem Kampf jeden Tag verstärken können. Denn wir sehen oft, dass eine rein emotionale Beziehung zur Bewegung, die keine klaren Maßstäbe und Ziele kennt, zu einer unzureichenden Annäherung und schnellem Rückzug bei Misserfolgen führt. Militant zu sein heißt eine Haltung zu entwickeln, die alle Werte der Bewegung ständig lebendig werden lässt. Wie genau sieht diese Haltung aus?

Eine_r Militante_r zu sein bedeutet das Kapitalistische System zu hassen, es in allen Lebensbereichen abzulehnen und zu bekämpfen. Jeder Kompromiss mit dem System stärkt nicht nur unseren Feind, sondern nimmt uns selbst den Glauben an unseren Kampf. Weil er das wusste, sagte Mazlum Doğan damals: „Kapitulation führt zum Verrat, Widerstand zum Erfolg.“ Für uns bedeutet das, ein Bewusstsein für die Einflüsse des Kapitalismus auf unser Leben zu entwickeln. Wir müssen wissen und spüren, wie stark uns der Kapitalismus vereinsamt, wie rücksichtslos und zerstörerisch er uns miteinander und mit der Natur umgehen lässt. Der Staat kontrolliert uns am stärksten über unser Bewusstsein. Deshalb müssen wir auf der Bewusstseinsebene auch unseren stärksten Kampf führen. Militant zu sein heißt unser Bewusstsein ständig weiter zu entwickeln, zu vertiefen und zu verinnerlichen. Kritik und Selbstkritik zu üben, heißt deshalb militant zu sein, denn diese Methode ist unsere stärkste Waffe für die gemeinsame Entwicklung unseres Bewusstseins. Ein_e Militante_r nutzt dieses Bewusstsein, um ganzheitlich und geordnet an das Leben heranzugehen. Wenn wir klare Ziele vor Augen haben und die Strukturen unserer Bewegung kennen, können wir unserem Bewusstsein Taten folgen lassen. Wenn wir unsere individuellen Fähigkeiten kennen, können wir sie in unseren Kampf einordnen und sie ganz in den Dienst der Revolution stellen. Jede_r von uns hat andere Stärken, die in Verbindung miteinander die Stärke unserer Bewegung ausmachen. Wenn wir es schaffen, Freund_innen in unserer Umgebung im Bereich unserer Stärken mitzureißen und zu führen, haben unsere Fähigkeiten einen Nutzen für alle. Indem wir sie nutzen und teilen, werden wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht. Das bedeutet auch, nicht berechnend aufeinander zuzugehen. Die Logik „Wenn du mir das gibst, gebe ich dir jenes“ würde uns nur behindern. Die Wurzeln all unser Fähigkeiten liegen zu einem bedeutenden Teil in unserer Gesellschaft. Ein_e Militante_r ist sich dessen bewusst und gibt dementsprechend bedingungslos an die Gesellschaft zurück. Als Militante ist der Maßstab für unsere Beziehungen Hevaltî, d.h. Vertrauen, Ehrlichkeit, Kampf- und Aufopferungsbereitschaft. Statt einer technischen Annäherung, sollten wir Liebe und Verständnis füreinander entwickeln. Wenn wir uns richtig kennen, miteinander leiden und unsere Freude teilen, entwickeln wir die nötige Stärke und Verbundenheit für unseren Kampf. Dass wir unsere Werte in unseren Beziehungen miteinander leben ist besonders wichtig, um uns selbst und andere Menschen immer wieder von dem Sinn unseres Kampfes zu überzeugen. Unserer Bewegung haben sich Millionen von Menschen angeschlossen, weil sie lebt, was sie sagt. Eine Tat ist tausendmal überzeugender, als jedes Wort. Hevaltî ist also Teil unseres politischen Kampfes nach innen und nach außen. Als Hevals ist es sehr wichtig, die individuellen Bedenken abzulegen. Wovor haben wir Angst? Was befürchten wir? Diese Fragen können wir am besten gemeinsam klären und gemeinsame Lösungen finden. Genauso dürfen wir keine Angst vor Konfrontationen miteinander oder mit unseren Familien haben. Konfrontationen einzugehen heißt bestehende Widersprüche offen anzusprechen und sie zu lösen. Egal ob in unseren Familien oder unter uns, der beste Weg ist es Konflikte offen anzusprechen und gemeinsam auszutragen. Wenn wir Probleme unausgesprochen lassen oder versuchen sie mit der Familie alleine zu lösen, kann es schnell passieren, dass wir uns überfordert und alleine fühlen. Freund_innen ziehen sich in solchen Situationen immer wieder zurück. Unser Anspruch als Militante muss aber sein, keinen Menschen mit seinen Problemen alleine zu lassen und alles an seinen gesellschaftlichen Wurzeln zu packen. Die gesellschaftliche Prägung unserer Freund_innen zu verstehen ist für uns sehr wichtig. Denn als Militante versuchen wir gesellschaftliche Zusammenhänge aufzudecken und in unseren Persönlichkeiten zu entdecken. Es ist unabdingbar für uns zu verstehen, wie unsere Herkunftsregionen, Familien und Biographien uns geformt haben. So können wir rückständige Haltungen der Gesellschaft auch in uns selbst erkennen und bekämpfen. Dazu gehört vor allem die feudal-patriarchale Herangehensweise an die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Militant zu sein bedeutet, freiheitliche Maßstäbe zu verinnerlichen, immer wieder selbstkritisch die eigene Rolle in den Beziehungen zu den Freund_innen zu hinterfragen und nach der wahren Bedeutung von Liebe zu forschen. Das bedeutet auch, dass wir nach innen immer diskussionsbereit sind, nach außen aber geschlossen auftreten. Lästereien über Freund_innen oder den Verband zuzulassen, widerspricht diesem Anspruch. Eine militante Haltung gegenüber unseren Arbeiten ist von Verbindlichkeit und Kollektivität geprägt. Anstatt individualistisch mit Aufgaben umzugehen, müssen wir Verantwortung gleichmäßig auf alle Freund_innen verteilen und mit ihr gewissenhaft umgehen. Aufgaben zu teilen, bedeutet auch immer darauf zu vertrauen, dass alle ihren Teil beitragen. Tut dies eine Person nicht, wird die Arbeit aller anderen Freund_innen in Mitleidenschaft gezogen. Im schlimmsten Fall kann dies die Freund_innen sogar in Gefahr bringen. Je mehr wir unsere individualistische Herangehensweise an unsere Arbeiten ablegen, desto militanter führen wir unsere Arbeiten aus. Militant zu arbeiten heißt umfassend und ganzheitlich zu arbeiten. Nicht nur unsere eigene Aufgabe, nicht nur unser Teilbereich ist wichtig. In dem Wissen, das alle Freund_innen wertvolle Arbeit leisten, können wir unserer eigenen Rolle mit der nötigen Bescheidenheit gerecht werden. Ein_e Militante_r weiß von den eigenen Stärken und Schwächen und sucht deshalb immer nach Chancen sich weiter zu entwickeln. Wir müssen Erfahrungen in allen Arbeitsbereichen der Revolution sammeln, um flexibel und ganzheitlich arbeiten zu können. Unsere bequemliche Haltung müssen wir ablegen und daran glauben, dass unsere Handlungen einen unmittelbaren Einfluss auf die Gesellschaft haben. Wir können hier und jetzt anfangen. Viel benötigen wir dafür nicht. Vor allem eine materialistische Haltung hindert uns daran. Die Philosophie unser Bewegung ist es, mit einem Laib Brot und einer Jacke in der Hand die Revolution führen zu können. Als Militante ist diese Haltung unser Maßstab. Sparsamkeit, Bescheidenheit und die Bereitschaft zu teilen sind unverzichtbar für unsere alltäglichen Arbeiten. Als Teil einer gesellschaftlichen Bewegung sind wir der Gesellschaft gegenüber rechenschaftspflichtig. Nie dürfen wir die harte Arbeit hinter den Dingen vergessen, die wir zum überleben brauchen. Um dies hervorzuheben, sprechen viele Freund_innen nicht von „Geld“, sondern von „Wert“. Als Militante hat konstante Bildungsarbeit eine zentrale Bedeutung für uns. Nur wenn wir die Geschichte und die politische Lage kennen und verstehen, können wir eine sinnvolle eigene Politik verfolgen. Bildung heißt aber nicht nur zu lesen. Jede Arbeit betrachten wir als Bildungsarbeit, ob gemeinsames Kochen, Gespräche oder gemeinsame Selbstverteidigung. Ein Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis ist die gesunde Grundlage für ganzheitliche und konstante Bildung. Stillstand bedeutet Tot, Veränderung bedeutet Leben. Diese Haltung zeigt die Bedeutung stetiger Selbstkritik und Weiterentwicklung. Unser Wissen und unsere Erfahrung darf niemals nur bei uns selbst bleiben. Je mehr Menschen wir damit erreichen, desto größer und stärker wird unsere Bewegung. Dafür müssen wir als Militante in der Lage sein, eine ästhetische Sprache zu verwenden, die für alle verständlich ist. Nur akademisch zu sprechen bedeutet, nur einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft zu erreichen. Ein_e Militante_r weiß, wie er_sie mit wem sprechen kann. Natürlich sind wir alle in manchen Situationen unsicherer als in anderen. Aber gerade die Situationen und die Menschen, mit denen wir uns unsicher fühlen, sind für uns am interessantesten. Denn dort können wir neue Menschen gewinnen und unser Wissen über die Gesellschaft erweitern. Egal in welcher Situation oder mit welchen Menschen, unseren Prinzipien bleiben wir treu, aber in der Umsetzung können wir flexibel sein. Mit dieser militanten Haltung werden wir ständig gesellschaftlicher und vergrößern die Basis unseres Kampfes. Ohne die Unterstützung breiter Teile der Gesellschaft lässt sich kein Widerstand gegen das herrschende System führen. In diesem Sinne hat jeder neu gewonnene Mensch allergrößte Bedeutung für uns. Wir als Militante einer Bewegung wären unwirksam ohne die Solidarität und Tatkraft der Gesellschaft. Das mag manchmal schwer sein. Aber gerade in schlechten Phasen an den Arbeiten festzuhalten, immer wieder auch alleine arbeiten zu können und schwere Wege zu gehen, zeigt wie militant unsere Persönlichkeit ist. Denn egal wie die Umstände sind, unsere Begeisterung für unsere Ziele, die Treue ihnen gegenüber, die Weitsicht in den Arbeiten und die Liebe für den Menschen und die Natur sind die Quelle der Kraft für unser militantes Leben.

„Trauer zu Wut, Wut zu Widerstand“

Wir alle können militant sein. Wir alle können Widerstand leisten. Denn Trauer über den Zustand der Welt, über die Verhältnisse in unserer Heimat tragen die allermeisten Menschen in ihren Herzen. Die Frage ist, wie wir mit unser Trauer umgehen. Werden wir pessimistisch? Verfallen wir in Hoffnungslosigkeit? Verlieren wir den Glauben an den Menschen? Das würde bedeuten, dass wir ein Leben voller Enttäuschung, Perspektivlosigkeit und Bedeutungslosigkeit in Kauf nehmen. Die Geschichten von Millionen Widerstandskämpfer_innen auf der Welt, hunderttausender Militanter in Kurdistan zeigen uns aber, dass es auch anders geht. Dass aus Trauer Wut und aus Wut Widerstand werden kann, werden muss. Nehmen wir uns jeden Tag viele kleine Schritte vor, um einen großen Sprung in Richtung Freiheit zu machen! Je mehr von uns ein militantes Leben führen, desto schöner wird diese Welt. Ob auf den Bergen, in den Dörfern oder den Straßen der Metropolen: Militant sein heißt Mensch sein!

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