Songül Karabulut
Es sind genau 14 Jahre vergangen, dass wir des Lächelns, der Begeisterungsfähigkeit, der Freundlichkeit und der Ratschläge unseres schönen Genossen und Freundes Engin Sincer (Erdal) beraubt wurden. Innerhalb dieser vergangenen Zeit wurde viel über ihn gesprochen und geschrieben. Unzählige Versuche wurden unternommen, die Auswirkungen, die sein früher Tod gebracht hat, zu beschreiben, aber alle Worte blieben unzureichend. Ich schreibe trotzdem mit dem Wissen, dass es ebenfalls nicht ausreichen wird. Aber ich werde es trotzdem versuchen, sofern es meine Gedanken und Gefühle zulassen. Denn ich glaube, es ist wie eine Schuld, die beglichen werden muss, für diejenigen, denen die Chance gegeben worden ist, ihn persönlich kennenzulernen.
Heval Erdal verbarg in seiner etwas kleinen Körpergestalt, mit seinem jungen Alter eine große Persönlichkeit. Schon sein Name drückte seine Persönlichkeit aus: Engin bedeutet weit, umfassend, umfangreich. Unser Freund war ein Revolutionär, der alle Werte, für die er gekämpft hat, in seiner Person verinnerlicht hat.
Ich hatte die Chance, mit Heval Erdal zusammen im Kurdistan Nationalkongress (KNK) zu arbeiten und ihn näher kennenzulernen. Ich habe sowohl seine einfühlsame, liebevolle und kindliche Seite schätzen gelernt als auch seine klare prinzipientreue Persönlichkeit als Kommandant. Ich wurde Zeugin, wie sich all diese Eigenschaften in seiner Persönlichkeit vereinten. Und diese Eigenschaften standen nicht, wie vielleicht angenommen, im Gegensatz zueinander, sondern sie bedingten sich einander und stellten eine Tiefe und Stärke dar.
Erdal war ein wirklich beispielhafter Kommandant; er fiel mit seinem organisatorischen Weitblick und seiner ideologischen Tiefe auf. Diese beiden Eigenschaften sind Maßstab für die Entwicklung einer revolutionären Persönlichkeit und die Verbindung zum revolutionären Kampf. Seine Analysen beruhten auf diesen Eigenschaften, sie waren weitsichtig und konnten die Richtung bestimmen. Seine Reden waren nicht parolenhaft, keine auswendig gelernten Sätze, er wusste, wovon er spricht, sie zeugten von seinen reichhaltigen Erfahrungen im Zusammenleben mit Menschen wie auch aus der Politik, der Theorie und Praxis. Seine Ausführungen waren nachvollziehbar, überzeugend und eine wirkliche Bereicherung. Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir immer ungeduldig darauf gewartet haben, dass Heval Erdal sich endlich zu Wort meldet, um mit ganzem Ohr zuzuhören; er bewegte uns, riss uns mit, konnte motivieren.
Er stand für Eigenschaften wie genossenschaftlich, sozial, ehrlich, eifrig, selbstlos, bescheiden und gerecht. Egoismus, Ungerechtigkeit, Heuchelei, Eigennutz dagegen lehnte er mit vollem Herzen ab, bekämpfte sie.
Heval Erdal war eine Führungspersönlichkeit, ohne Hierarchien aufzubauen. Seine MitarbeiterInnen band er als Subjekte in die Arbeit, in die Auseinandersetzungen mit ein. In sein Umfeld strahlten seine ausgeprägten positiven Eigenschaften, die Liebe und das Vertrauen in die Genossenschaftlichkeit aus. Auf diese Weise trug er dazu bei, dass wir unsichtbare Mauern, die wir so oft gegeneinander aufgebaut hatten, durchbrechen und genossenschaftliche Beziehungen entwickeln konnten. Die Menschen behandelten ihn mit großem Respekt, nicht wegen seiner hohen Position, die er durch seine Arbeit innerhalb der Bewegung eingenommen hatte, sondern durch seine schon beschriebene Art und Weise – schnell entstand eine vertrauliche und natürliche Beziehung zu ihm. Nein, er stand nicht über uns, wir waren miteinander, gemeinsam. Oft haben wir stundenlang nach einer Kundgebung oder einem Fest gemeinsam mit ihm den Platz gesäubert und Müll gesammelt, er war sich für keine Arbeit zu schade, nahm jede ernst.
Er war zielstrebig, er war entschlossen, die Arbeit, die er übernommen hatte, erfolgreich zu Ende zu bringen. Sein Selbstvertrauen resultierte daraus, dass er sich sicher, war auf dem richtigen Weg zu sein. So spürten auch Menschen, die ihn gerade neu kennengelernt hatten, seine positive Energie, viele wurden gleich von ihm inspiriert und spürten das Vertrauen – egal, ob Kurdin oder Kurde oder anderer Nationalität. Erdal ist noch immer eine Brücke zum kurdischen Volk und ihrem legitimen Befreiungskampf.
Und er war ein phantastischer Erzähler: Ich kann mich erinnern, wie mich seine Erzählungen über Kurdistan und über das Leben bei der Guerilla inspirierten. Eines Tages erzählte er die folgende Geschichte. Eine Gruppe männlicher Guerillas traf auf Wildpferde. Sie versuchten vergeblich, sie einzufangen. Ein Guerilla, der im Dorf aufgewachsen war, erklärte, dass wilde Pferde nicht auf diese Weise zu fangen sind. Sie müssten Frauenkleidung besorgen, einer müsste sich als Frau verkleiden, dann würden die Pferde nicht davonrennen. Sie besorgten sich in einem nahegelegenen Dorf die benötigten Kleidungsstücke und einer von ihnen verkleidete sich als Frau. Und tatsächlich, der verkleidete Guerilla ging langsam auf die Pferde zu, und diesmal rannten sie nicht davon. Auf diese Weise gelang es ihnen, die Wildpferde einzufangen. Diese Geschichte hatte mich lange beschäftigt, und ich erkannte darin den Beweis für die tiefe historische Bindung zwischen Frau und Natur.
Oder er erzählte von einer beschrifteten Tafel, die ein Guerilla auf dem Gipfel eines Berges zufällig gesehen hatte. Vermutlich handelte es sich um eine historisch wichtige Schrifttafel, die über unsere Geschichte wichtige Information verbirgt. Wir hörten mit großen Ohren und Augen begeistert zu und jedesmal wurden die Pausen bei Versammlungen überzogen. Er erzählte viel über Kurdistan und über die Berge, das Leben dort. In seinen Erzählungen konnte er seine Vorliebe für das Gebiet Botan in Nordkurdistan nicht verheimlichen. Während er erzählte, bauten wir, die, die Kurdistan nicht oder kaum kannten, emotionale Bindungen zu unserer Heimat auf und versuchten uns das Leben dort vorzustellen. Wir entwickelten eine unheimliche Sehnsucht. Er erzählte so bildhaft, dass wir das Gefühl bekamen, es selbst erlebt zu haben.
Heval Erdal lebte sehr auf die Gemeinschaft bezogen. Obwohl er in Europa groß geworden ist, waren Kälte und Egoismus der kapitalistischen Moderne bei ihm nicht vorhanden. Er war ein Individuum, das sich in der Gesellschaft verwirklichte, auflebte. Seine Vorliebe für Fußball ist bei vielen bekannt. Er liebte Gruppenspiele. Er sah darin das Kollektiv, das Gemeinsame, gemeinsam etwas erreichen zu können. Und er liebte seine Mutter wie er seine Genossinnen und Genossen liebte. Das wussten wir, denn er verheimlichte es vor niemandem. Er war das Lämmchen seiner Mutter, die stolz auf ihn war. In der kurdischen patriarchalen Gesellschaft sagt man zum Haus seiner Eltern »Haus des Vaters«. Heval Erdal sagte während einer Unterhaltung, »… dann kann ich ja auch zum ›Haus meiner Mutter‹ gehen«. Das mag vielleicht nur ein kleines Beispiel sein, aber mich hatte es sehr positiv beeindruckt. Das war eine Äußerung, die der Mutter (der Frau) ihr Recht zuspricht und ein Tabu gebrochen hat. Und es waren auch diese »Kleinigkeiten», Dinge aus dem einfachen Leben, mit denen er Menschen faszinieren konnte, aufklären konnte, Menschen zum Nachdenken bringen konnte.
Heval Erdal ist ein Genosse, dessen Verlust immer noch sehr großen Schmerz empfinden lässt, auch zehn Jahre nach seinem Tod. Ich ertappe mich noch immer dabei, dass ich überlege »Wie würde Heval Erdal in dieser Situation handeln, reagieren?« Ich suche in den Gedanken, Gefühlen und der Annäherung an ihn nach der richtigen Entscheidung. Nicht nur zu Lebzeiten war er ein wegweisender und wichtiger Ratgeber für mich, für uns.
Es gäbe noch viel mehr über Heval Erdal zu schreiben und zu erzählen, es gibt so viele schöne Andenken und Erinnerungen. Aber wie bereits am Anfang des Textes gesagt, die Worte reichen nicht aus, sie reichen nicht, um seine besondere und doch natürliche Art zu beschreiben. Die große Lücke, die tiefe Wunde, die sein Tod in uns gerissen hat, ist mehr als schwer zu beschreiben. Immer wieder reißt die vernarbte Wunde aufs Neue auf. Es schmerzt an ihn zu denken, als wenn das Herz in einem Schraubstock zusammengepresst wird. Auf der anderen Seite entstehen tiefe Glücksgefühle, eine Zeitlang sein Weggefährte gewesen zu sein. Diejenigen, die dieses Glück hatten, werden ihn niemals vergessen. Auch nach seinem Tod gibt er seine positive Energie und das Vertrauen in den Aufbau kollektiver Lebensstrukturen an uns weiter. Er ist ein Beispiel der revolutionären Persönlichkeit – ob in den befreiten Bergen Kurdistans oder im Alltag der kapitalistischen Moderne, denn er lebte und kämpfte für die Freiheit, für eine lebenswerte Zukunft – immer, überall und immer noch!