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Schon wieder?

by rcadmin

MAZDA MARİYA

Dass wir KurdInnen viele Probleme haben, die gelöst werden müssen, ist wirklich kein Geheimnis. Und dass wir KurdInnen trotz der Tatsache, dass wir die größte Bevölkerung ohne Staat/Autonomie sind, relativ gut organisiert sind, ist ebenfalls keine unbekannte Sache. Eines der Dinge wofür wir bekannt sind ist Civîn und Tekmîl. Aber es sind zugleich auch wir, die sich über Sitzungen beschweren, die Sitzungen nicht notwendig und sogar zu zeitaufwendig finden. Da Sitzungen eines der Instrumente zur Problemlösung sind (nicht die Hauptsächlichen), müssen wir uns die Bedeutung der Sitzungen richtig anschauen.

Also warum machen wir Sitzungen?

Wie gesagt: Eine Sitzung zu machen ist ein möglicher Weg Probleme zu analysieren, klären und zu lösen. Doch eigentlich ist die Sitzung ein Mittel, ein Mechanismus, um im Namen einer Bewegung zusammenzukommen. Eine Sitzung gibt uns die Möglichkeit Gedanken auszutauschen, einander zuzuhören und ganz wichtig: von Situationen und Problemen zu lernen! Sitzungen bringen uns wieder in die Lage Kurdistans rein. Durch Sitzungen realisieren wir mehr und mehr wie die Situation in Kurdistan ist, was unsere Probleme sind. Besonders so wird uns jedes Mal klarer, dass wir agieren müssen. Also könnte man Sitzungen als Kraft zur Mobilisierung, oder sogar Bildung benennen. Durchs Zusammenkommen können wir den Zusammenhalt stärken. Wir können durch körperliche und gedankliche Nähe der Zersplitterung zwischen uns KurdInnen Einhalt gebieten.
Ich sage nicht, dass manche GenossInnen sich nicht auch so immer der Lage bewusst sind und fühlen was in Kurdistan passiert. Jedoch sind es die Sitzungen, in denen man die Gedanken ordnet und einen klaren Kopf bekommt. Unsere Analysen sind in Sitzungen tiefgründiger, politischer und klarer.
Und vergessen wir mal nicht, dass Sitzungen der Ort unserer Lieblingswaffen sind: Rexne û Rexnedayîn; Kritik und Selbstkritik.

Kritik-Selbstkritik

Wir sind nicht die erste und auch nicht die letzte Bewegung, die Kritik und Selbstkritik als wichtig erachten. Doch diese beiden Methoden (wirklich Waffen) helfen uns ebenfalls unsere Fehler und die Fehler anderer GenossInnen zu formulieren. Wir benutzen Kritik und Selbstkritik, um GenossInnen auf Probleme aufmerksam zu machen und ihnen zu erklären was falsch gelaufen und warum etwas falsch ist. Bei diesen beiden Waffen gilt das Zeyt û Zehtr-System: Kritik und Selbstkritik gehört zusammen. Wenn du einstecken kannst, deine eigenen Fehler siehst, darfst du auch austeilen. Kritik alleine wird niemanden und nichts einfach so von heute auf morgen ändern!!! Kritik ist nur der Anfang. Um einem Menschen wirklich zu helfen, muss man auch im Leben bestimmte Probleme adressieren, diskutieren und mit kreativen Methoden eine Veränderung schaffen. Nur weil ich Person X erklärt habe, dass man die eigenen GenossInnen nicht anschreit, heißt das nicht, dass Person X morgen mit den eigenen GenossInnen einen guten Umgang haben wird. Wenn das so einfach wäre, hätten wir schon längst Revolution gemacht. Xwezî…

Wie kritisiere ich?

Also kritisieren ist übrigens auch nicht so einfach, wie es klingt. „Hör auf ständig zu meckern“, ist keine Kritik. Wenn wir wollen dass die Kritik von unserem Gegenüber verstanden wird, müssen wir die Kritik richtig formulieren, sensibel und empathisch, jedoch nicht liberal sein. Kritisieren ist eine Kunst! Wenn ich kritisiere muss ich mir sicher sein, ich muss überzeugt sein von dieser Kritik, ich muss wissen wie ich sie formuliere ohne unverschämt zu werden. Statt zu sagen: „Du bist zu dogmatisch, das nervt“, kann man Beispiele geben und zeigen, was für Schaden Dogmatismus macht. Kritik dient niemals deinen persönlichen Wünschen. Du kritisierst nicht, weil du genervt bist. Du kritisierst, weil eine Mentalität, eine Aktion, eine Handlung der Gesellschaft oder der Organisiertheit schadet.

Wie reagiere ich wenn ich kritisiert werde?

Wir kennen das alle: Du wirst kritisiert und in dir kocht es vor Wut. Du willst antworten, widerlegen, streiten. Die Praxis zeigt, dass dieses Verhalten falsch ist. Das ist das kleine Ego in uns, das keine Kritik zulassen will. Das Ego meldet sich: „Das war nicht mein Fehler!“ Doch keine Sorgen. Dafür gibt es eine einfache Lösung: Du reagierst einfach nicht auf Kritik. Du versuchst zu verstehen. Wenn du antwortest verschränkst du dich selbst. Deshalb lässt du die Kritik erstmal sacken. Falls die Kritik tatsächlich nicht auf dich zutreffen sollte, dann versuchst du zu mindestens zu verstehen, wie du so einen Anschein, so ein Bild von dir selbst geben konntest. Oder wir nehmen die Kritik, stecken sie in unsere Hosentasche und verwenden sie, um diesen Fehler gar nicht erst zu begehen. Falls es jedoch Missverständnisse gibt, sollte man diese mit den GenossInnen klären.
Natürlich sollten wir auch in der Lage sein unsere eigenen Fehler in bestimmten Handlungen zu sehen. Fehler sind nie einseitig. Es gibt immer zwei Seiten einer Münze…

Wie hält man eine Sitzung

Nachdem wir einen richtigen Blick auf Rexne û Rexnedayîn bekommen haben, kommen wir zu dem Ort an dem man diese Waffen benutzt: Die Sitzung. Es gibt keine Bibel für Sitzungen. Doch bestimmte Prinzipien gibt es schon. Zunächst einmal sollte jede Sitzung mit einer Schweigeminute für die MärtyrerInnen der Revolution beginnen. Das heißt, dass wir mit all unseren Sitzungen den MärtyrerInnen gedenken und uns dementsprechend ernst verhalten sollten. Aufgrund dessen sollten wir auch auf Essen, Kaugummi kauen, Telefone, und gleichgültige Haltungen in Sitzungen verzichten.

Kommen wir zum praktischen Teil

Nach der Schweigeminute sollte ein Dîvan2, der die Sitzung leitet, gewählt werden. In einfachen Sitzungen sind es entweder die OrtsgruppensprecherInnen oder GenossInnen die von den SprecherInnen ausgewählt werden, die die Sitzung führen. In Sitzungen jedoch hat der Dîvan eine enorm wichtige Rolle. Der Dîvan ist zuständig dafür, dass die Prinzipien der Sitzung eingehalten werden, dass der zeitliche Rahmen nicht gesprengt wird, und dass die Sitzung systematisch abläuft. Am Ende jeder Tagesordnung (Rojev) sollte der Dîvan die Beiträge der GenossInnen in einer Rede zusammenfassen. Außerdem muss der Dîvan darauf achten, dass keine Person persönlich verletzt oder beleidigt wird. Der Dîvan kann je nach Notwendigkeit aus 2, 3 oder 5 Personen bestehen.
Bevor die Sitzung offiziell beginnt, sollten 1-2 GenossInnen zum Protokollführen ausgewählt werden. Die ProtokollantInnen sind dafür zuständig die Aussagen zu verschriftlichen. Das ist gut für Personen, die nicht an der Sitzung teilnehmen können.
Anschließend wird eine Agenda (also die Tagesordnung der Sitzung) gemeinsam festgelegt. Diese Tagesordnung sieht meistens so aus:

 

1. Erst beginnen wir mit der politischen Lage. Damit verstehen wir was in Kurdistan und in der Welt los ist, um so die organisatorische Lage im richtigen Kontext zu analysieren.

2. Organisatorische Lage: Arbeiten die gemacht und NICHT gemacht wurden werden kritisch bewertet. Fehler und Probleme werden ans Licht gebracht. Bewertungen die gemacht werden, müssen perspektivisch sein. Das heißt, dass wir nicht nur kritisieren sondern auch Lösungen bieten sollten. Außerdem kann man GenossInnen kritisieren und auch Selbstkritik für gemachte Fehler und falsche Annäherungen geben. Dabei sollten alle GenossInnen zunächst ihr eigenes Arbeitsfeld bewerten (z.B. Medien Kommission bewertet die Medien in einer Jugendsitzung), anschließend auch die anderen Arbeitsfelder. Das zeigt auch wie universell wir denken und einen Blick für alle Arbeiten haben, nicht nur unsere eigenen Arbeitsfelder.

3. Noch bevor wir zur Planung rüber gehen, sollten wir das Plenum über die Vorschläge, die während der organisatorischen Lage gemacht wurden, abstimmen lassen. Alle Vorschläge, die die Mehrheit der Zustimmung bekommen, werden ab diesem Zeitpunkt durchgeführt. Wenn Person X vorschlägt: „Lasst uns vor allen Sitzungen erstmal einen Text lesen!“, dann muss das Plenum entscheiden, ob das durchgesetzt werden soll oder nicht.

4. Unsere letzte Tagesordnung sollte die Planung sein. Dabei werden Dinge geplant, die man bis zur nächsten Sitzung durchgeführt haben muss. Die Planung sollte natürlich zur politischen Lage passen. Wichtig ist auch, dass die Planung realistisch aber kreativ ist. Es ist eine Möglichkeit die Zukunft aktiv mitzugestalten. Tipp für die Planung: Versucht Oberpunkte zu finden und sie nach und nach abzuhacken. Sonst schafft ihr nichts außer tirşik zu machen. Also sammelt Ideen und diskutiert sie Punkt für Punkt. Eigentlich alles klar, oder?

 

Zu viel zu melden?

Bei Sitzungen ist besser sich nur einmal pro Tagesordnungspunkt zu melden, um zu sprechen. Es ist wirklich sehr wichtig, dass wir unseren Gedanken eine Ordnung geben und dann kurt û cewherî, also kurz und knackig reden. GenossInnen sollten sich z.B. nicht 3 mal für die politische Lage melden. Das ist sehr chaotisch!!! Natürlich sieht es bei der Planung bisschen anders aus: Weil dort viele Meinungen aufeinander treffen ist es unumgänglich die Ideen mehrere Male in den Raum zu werfen.

Zeitlicher Rahmen

Wann eine Ortsgruppe ihre Sitzungen macht, kann sie selber festlegen. Manche Ortsgruppen machen jede Woche eine Sitzung (aufgrund von Notwendigkeit), manche zweimal im Monat, manche einmal im Monat. Es gibt auch Sitzungen, die überregional sind (z.B. ganz Deutschland betreffend). Diese Sitzungen kann man einmal im Monat bis alle drei Monate einmal machen. Das ist eine individuelle Entscheidung der Gruppe.
Wie lang die Sitzung dauert ist wieder so eine spezielle Sache. Manchmal gibt es nicht viel zu klären. Es kann auch sein, dass vorhandene Probleme schon zuvor besprochen wurden, dann wird in der Sitzung nur noch für Klarheit gesorgt, statt alle Details zu besprechen. Manchmal gibt es jedoch Probleme, die man ausführlich besprechen muss, um Wiederholungen zu vermeiden. Außerdem gibt es Situationen, bei denen man eine starke Planung machen muss (Kampagnen usw.). Das kann auch dafür sorgen, dass eine Sitzung länger dauert als man…sagen wir mal erwartet hat.

Okay, was ist dann Tekmîl?

Damit wir dem Geiste des Tekmîls gerecht werden, halten wir uns kurz: Tekmîls sind kurze Kritik- Selbstkritik- Reflexionsrunden. Jede Person im Tekmîl sollte in 2-3 kurzen Sätzen einen Tag bzw. eine Arbeit bewerten. Die Analysen in einer Sitzung umfassen meist einen langen Zeitraum (1 Woche – 3 Monate). Dahingegen dienen Tekmîls nur zur Bewertung eines kurzen Zeitraumes (einige Stunden – 2 Tage). Auch beim Tekmîl gilt: Man meldet sich einmal, hält sich kurz und einfach. Tekmîls beinhalten weder eine politische Analyse noch eine Planung. Jedoch kann man auch in Tekmîls kurzzeitige Dinge beschließen.

Wir lasen, verstanden und machten!

Nachdem wir so viele Informationen verdaut haben, müssten wir genug Energie haben, um unsere Sitzungen noch produktiver zu gestalten (oder überhaupt zu machen…). Sitzungen, Tekmîls, Kritik und Selbstkritik sind das A und O einer guten Organisation. Gerade wir Jugendlichen müssen mit unseren Ideen, Energien und Lösungen irgendwo zusammenkommen. Rêber APO hat immer Sitzungen mit der Bevölkerung gemacht, die sehr offen und ehrlich waren. Er hat die Bevölkerung offen adressiert, offen kritisiert und die politische Lage klar dargestellt. Er konnte die Sitzungen als ein Mittel benutzen, dass die Menschen sich unter einer Ideologie vereinen. Diese Kraft sollte auch für uns ein Maßstab sein.

Sitzungen gehören zu unserer Kultur

Sitzungen waren und sind immer noch der Kern einer gut strukturierten Arbeit. Sie bietet einen Durchblick durch aktuelle Probleme und ist ein Rückblick auf das was geschehen ist, um die Zukunft besser zu organisieren. Als kurdische Jugendliche wachsen wir durch die Freiheitsbewegung mit einer revolutionären Kultur auf. Und die Sitzung gehört zu dieser Kultur. Sie ist ein Produkt der Organisiertheit. Deshalb können und sollten wir ruhig mit Stolz sagen: „Ich habe heute eine Sitzung“.

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