Home ALLE BEITRÄGEKULTUR & KUNST Spieglein, Spieglein an der Wand – Teil 1

Spieglein, Spieglein an der Wand – Teil 1

by rcadmin

ZEYNEP AMED

Spieglein, Spieglein an der Wand, und die Welt sucht immer noch die Schönste im ganzen Land, unabhängig davon, dass man sie nicht finden wird – die Schönste. Denn selbst die „Schönste“ – wenn es sie denn gäbe – würde dem Tempo der sich wechselnden Schönheitsideale nicht gerecht werden. Es ist wie ein verzweifelter Versuch einem Zug mit dem Fahrrad hinterher zu fahren. Natürlich schafft man das nicht, natürlich bleibt man da stecken und natürlich wird man sich bei dieser Fahrt den Kopf stoßen, wenn man versucht die „Schönste“ im ganzen Land zu werden, wenn man versucht dem Unmöglichen hinterherzukommen.

Spieglein, Spieglein… Eine bloße Reflexion oder eine Krankheit – der Wahn der Schönheit. Stellen wir uns mal vor, dass uns jemand einen Spiegel hält. Doch der Spiegel ist kein gewöhnlicher Spiegel, dass was der Spiegel reflektiert ist ein verzerrtes Bild von uns. Dazu ist er noch dreckig. Wir könnten den Spiegel säubern und eine klarere Sicht von uns selbst bekommen, von einem richtigen klaren selbst. Doch die Person, die diesen Spiegel vor uns hält, ist hinterlistig. Die Person will gar nicht, dass wir uns sehen, sondern ein falsches „ICH“. Die Person ist ein Mann, der uns mit einem nichtssagenden Lächeln uns schwört, wie schön wir doch so seien… das „Ich“, dass verzerrt und verdreckt wurde.

Und da sind wir nun, als Wesen, die sich selbst völlig verzerrt sehen, und ihr verzerrtes Ich als schön wahrnehmen. Das ist ein wahres Dilemma. In dem Spiegel sehen wir schließlich nur ein Abbild von uns selber. Es ist eine einfache Reflexion. Aber selbst diese ist verfälscht, denn der Mann hinter dem Spiegel verzerrt unser Abbild bewusst. Ganz bewusst betont er, wenn es sagt, dass wir schön sind, nur unsere äußeren Werte. Er definiert Schönheit nach einfachen Merkmalen, die sich je nach Spiegel und Meinung ändern können. Und diese Merkmale ändern sich so zügig, dass nicht jede von uns mitkommt. Aber irgendwie will doch jede von uns so sein… so schön…?

Wenn wir dann Schönheit definieren, ist für mich der Punkt erreicht zu fragen: Kann das, was als Schönheit bezeichnet wird, wirklich Schönheit sein, wenn es mich so sehr verändert, dass ich im Endeffekt ganz anders aussehe als natürlich, dass ich mich nicht mehr wiedererkenne, und mir gesagt wird, dass ich stolz darauf sein kann, so unnatürlich zu sein? Sollte das, was als Schönheit bezeichnet wird, mich krank und schwach machen? Kann Schönheit mir verdeutlichen, dass ich eigentlich hässlich bin und nur „schön“ werde, wenn ich mich an bestimmte Vorgaben und Regeln halte? Sollte Schönheit dafür sorgen, dass ich vor Selbstzweifel und Selbsthass innerlich gebrochen werde? Zu antworten ist leicht.

Denn offensichtlich leiden fast alle Frauen in der kapitalistischen Moderne unter dem Wahn der „Schönheit“, der vielmehr pure Hässlichkeit statt Schönheit etabliert. Das Wort Schönheit wird im Namen der Entstellung und Grausamkeit missbraucht. Denn gerade im Namen der „Schönheit“ werden die hässlichsten Spiele mit uns Frauen getrieben. Wir Frauen werden von unserem Selbst entfremdet, wir lernen schnell uns selbst zu hassen – Der Körper, das Gesicht, das Lachen, die Haare, die Nase, die Herkunft und weiteres wird plötzlich zu etwas Schrecklichem, etwas was man schnell anpassen muss, weil es natürlich schlecht ist. Als Frauen werden wir in einen Zustand gebracht, indem wir nur zufrieden sind, wenn wir uns den Idealen der Medien – sprich des Staates – anpassen, wobei wir selbst dann nicht zufrieden sein werden. Denn wenn wir uns nochmal im Spiegel anschauen sehen wir alles. Nur nicht uns selbst…

Dringender wie nie zu vor, müssen wir also eine Neudefinition der „Schönheit“ festlegen. Um dieses Thema kommen wir nicht herum, vor allem als junge Frauen müssen wir uns mit diesem Thema beschäftigen. Denn sind es nicht wir, die sich selbst versprochen haben, den Mit Xwebûn (Selbstsein) einen neuen Weg einschlagen.

ÄHNLICHE ARTIKEL