NÛJIN TOLHILDAN – STÊRKA CIWAN
„Guten Abend meine Damen und Herren. Ulrike Meinhof, eine der Angeklagten im RAF-Prozess, hat sich das Leben genommen. Nach Angaben der Behörde erhängte sich Meinhof in ihrer Zelle.“
Als diese Nachricht im Radio und TV verkündet worden ist, war für viele GenossInnen klar, dass sich Meinhofs Tod in das Konzept einer geheimdienstlichen Strategie einordnen lässt. Ihre Todesumstände sind bis heute ungeklärt, da die Ermittlungsbehörde in auffälliger Eile den Fall abgeschlossen hat. So ähnlich wie bei Şehîd Sara, kann man das als verzweifelten und letzten Ausweg des Staates auswerten. Der Unterschied besteht nur darin, dass Şehîd Sara vom türkischen Staat ermordet worden ist und Ulrike Meinhof vom deutschen Staat. Der Staat fürchtet eben revolutionäre Frauen und dies ahnte Meinhof auch bereits, denn sie warnte ihre Schwester mit folgenden Worten: „Wenn Du hörst, ich hätte mich umgebracht, dann kannst Du sicher sein, es war Mord.“ Das Fehlen des Abschiedsbriefes entspricht entschieden gegen Selbstmord und steht auch im Gegensatz zu allem, was man sonst über Ulrike Meinhof weiß.
Sie war bereits in jungen Jahren eine rebellische Person, jedoch nicht auf eine pubertäre Art und Weise, sondern fand sie stets die Furchtlosigkeit zu widersprechen, wenn sie etwas als ungerecht empfand.
Nun, was wissen wir denn überhaupt über Ulrike Meinhof, die in den 70ern zum „Staatsfeind Nummer 1“ erklärt worden ist?
Sie war bereits in jungen Jahren eine rebellische Person, jedoch nicht auf eine pubertäre Art und Weise, sondern fand sie stets die Furchtlosigkeit zu widersprechen, wenn sie etwas als ungerecht empfand. Als ein Lehrer sie einmal anschrie, entgegnete sie auf ihre ruhige Weise: „Herr Studienrat, ich glaube, es ist nicht üblich, mit einer Schülerin so laut zu sprechen.“ Dafür wollte die Schulleitung Meinhof aus der Schule kicken. Schon früh zeichnet sich ab, dass reaktionäre Kräfte des Systems (hier in dem Fall das Schulsystem) Angst vor der rebellischen Meinhof haben.
Am besten überspringen wir den Rest ihrer Kindheit und fangen mit dem spannenden Teil ihrer Vita, nämlich den Anfängen ihrer Politisierung an. Sprich, ihrer Studienzeit. In ihrer Studienzeit schließt sich Meinhof diversen linken Gruppen an, unter anderem, der damals verbotenen KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) und der SDS. Die SDS ist bis heute noch an einigen Unis als sozialistischer Studentenbund vertreten, damals war sie aber noch stark von der SPD dominiert. Deshalb wurde Meinhof auch auf Druck der SPD zum Rauswurf aus der SDS gedrängt, da sie als Studentin eine kritische Kolumne schrieb, die der SPD missfiel, da sich der Text gegen deren Parteilinie richtete. Sie war eben eine stets kritische Person, sie stellte zum Beispiel trotz ihrer linken Haltung den Dogmatismus mancher SED Mitglieder (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) in Frage. Ihre kritische Haltung macht sie nicht nur zur Ikone, sondern soll ihr später den Staat zum Feind machen.
Nach ihrem Studium arbeitet Meinhof als Chefredakteurin für die linke Zeitschrift „Konkret“. Meinhofs Kolumnen begleiten die 68er Bewegung. Damit ist die weltweit linksgerichtete Studentenbewegung in den 60ern gemeint, die 68 ihren Höhepunkt hatte. Der Protest gegen die massiven Bombardements seitens der USA auf Nordvietnam war zum Beispiel ein Auslöser für die linke Studentenbewegung in den 60ern. Als der damalige amerikanische Vizepräsident dann nach Berlin eingeladen worden ist, wollte ihn eine linke Gruppe mit Pudding bewerfen. Die Bild „Zeitung“ druckte die fette Schlagzeile: „Geplant: Berlin – Bombenanschlag auf US-Vizepräsidenten“. Ulrike Meinhof schrieb anlässlich des Pudding-Attentats zynisch: „Es gilt als unfein, mit Pudding auf Politiker zu zielen, nicht aber, Politiker zu empfangen, die Dörfer ausradieren lassen und Städte bombardieren … Napalm ja, Pudding nein.“ Selbst eine Geldstrafe konnte Meinhof nicht davon abhalten ihre Haltung zu bewahren und den vollschlanken CSU Vorsitzenden als „infamsten deutschen Politiker“ zu bezeichnen.
Dass nicht nur Meinhofs politische Haltung radikaler wurde, sondern auch die der Studentenbewegung, geht auch auf den den 2. Juni 1967 zurück. Es startete nämlich mit einem Protest der StudentInnen. Dafür steht vor allem der Name Meinhof. An dem Tag demonstrierten die StudentInnen gegen den Staatsbesuch des iranischen Schahs. Dabei prügelten die Bullen wahllos auf die DemonstrantInnen ein und erschossen einen Demonstranten durch einen gezielten Kopfschuss von hinten. Ulrike äußerte sich diesbezüglich wie folgt „Die Proteste gegen einen Polizeistaatschef entlarven unseren Staat selbst als Polizeistaat. Polizei- und Presseterror erreichten an dem Tag ihren Höhepunkt.“
Für den Befreiungsplan stellt Ulrike Meinhof als Journalistin einen Antrag bei der Gefängnisleitung, um sich mit Baader treffen zu können. Sie würden angeblich ein Buchprojekt planen, an dem Baader mitwirken solle. Dem Antrag wurde stattgegeben und Baader bekam für den Tag Freigang. Der Raum wurde gestürmt und durch das Fenster flohen Baader und Meinhof nach draußen. Nichts symbolisiert Meinhofs Entscheidung von nun an im Untergrund ein revolutionäres Leben zu führen so bildlich wie ihr Sprung aus dem Fenster. Die Befreiung Baaders aus dem Knast war sozusagen die erste Gründungsaktion der RAF.
Sofort wurde eine Großfahndung ausgelöst. Die Presse sprach schnell von der “Baader-Meinhof-Gruppe”. Später nannte sich die Gruppe selber “Rote Armee Fraktion”(RAF). Natürlich darf das Logo mit einem roten Stern und einer Maschinenpistole nicht fehlen. Name sowie Logo ist auch Programm und zwar gegen den faschistischen Moloch von Staat zu kämpfen. Dafür ließen Meinhof und ihre GenossInnen es sich nicht nehmen sich in Jordanien militärisch auszubilden lassen. Nun konnte man von einer Stadtguerilla sprechen.
Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Baader, Jan-Karl Raspe und Holger Meins bildeten die Führungskader der RAF im Untergrund. Meinhof organisiert mit dem harten Kern der RAF mehrere Banküberfälle und beteiligte sich an Raub- und Banküberfälle, sowie Bombenanschläge auf US-Botschaften und Bürogebäude des Springerkonzerns (Bildverlag). Die Pläne und die außergewöhnlichen Aktionen Meinhofs und ihrer GenossInnen sind eigentlich hollywoodreif jedoch würde es leider den Rahmen sprengen detailliert darüber zu schreiben.
Ab dem 15. Juni 1972 ging Meinhofs Kampf nun im Gefängnis weiter.
„Die beiden wurden festgenommen, dabei leistete die Frau besonders kräftig Widerstand.“ Mit Frau ist Meinhof gemeint. Wie konnte es auch anders sein, als das Meinhof sich nicht so leicht einbuchten lässt. Mit ihrer Festnahme saßen nun alle Führungskader der RAF im Stammheim-Stuttgart Gefängnis. Das Gefängnis wird in den 70er Jahren schnell zum Symbol für staatliche Gewalt, Folter und Justizmord. Für die RAF wurde im 7. Stock extra ein Trakt, quasi ein Knast im Knast, eingerichtet. Mehrfach traten die GenossInnen in den Hungerstreik um gegen die Haftbedingungen zu protestieren. Meinhof wurde der „weißen Folter“ (Isolationsfolter) ausgesetzt. Weiße Folter bedeutet, dass du umgeben bist von kalkweiß gestrichenen Wänden und greller Neonbeleuchtung und visuell sowie akustisch vollständig abgeschnitten bist von der Außenwelt. Für Außenstehende dürfte schon allein die Beschreibung der Isolationshaft für Platzangst sorgen. Einsicht über die grausame Folter gibt uns ein Briefausschnitt Meinhofs während ihrer Haftzeit: „Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich abplatzen) […] Man kann nicht klären, warum man zittert – man friert. […] Man kann die Bedeutung von Worten nicht mehr identifizieren, nur noch raten – der Gebrauch von Zisch-Lauten – s, ß, tz, z, sch – ist absolut unerträglich […]. Rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt […]. Das Gefühl, es sei einem die Haut abgezogen worden.“ Spätestens an der Stelle kommt einem Rêber APOs unvergleichlicher Widerstand auf Imrali in den Sinn. Dass sich die Haftbedingungen der politischen Gefangenen weltweit verschärft haben liegt unter anderem daran, dass der deutsche Staat Isolationsfolter – in der Form – erstmals an Meinhof und an ihre GenossInnen angewandt hat. Die weiße Folter wurde dann zu einem Exportschlager unter anderem auch in der Türkei. Das schimpft sich dann wohl „Made in Germany“. Als der Staat erkannte, dass er trotz all der Folter Meinhofs Widerstand nicht brechen kann, entschied sich der feige Staat sie panikartig zu ermorden.
Eigentlich beginnt das „Schicksal“ der Ulrike Meinhof nicht vermeintlich mit ihrer Festnahme. Es sind die gesellschaftlichen Umstände gewesen, die Meinhof zu der gemacht haben, die sie war und die RAF kam sicherlich nicht aus dem Nichts, wie es uns die heutigen Schulbücher weiß machen wollen. Es war nämlich der Protest der GenossInnen gegen die tausende von hochrangigen NS-Mördern – KZ-Aufseher, Nazi-Juristen, die frei in Deutschland leben konnten und sogar Führungspositionen im Staatsapparat hatten. Es war der faschistische Staat, der aggressiv auf die Studentenbewegung reagiert und gezielt getötet hat. Es waren die Aufnahmen der Massaker in Vietnam, die Meinhof täglich durchs Fernsehen ins Haus geliefert bekommen hat und sie an ihren Schwur erinnerte, nicht bei einem weiteren Massaker zuzusehen und dem Faschismus zu erlauben sich wieder breit zu machen.
Wir sind engagiert für diejenigen, die versuchen sich von Terror und Gewalt zu befreien. Und wenn ihnen kein anderes Mittel als die des Krieges übrigbleibt, dann sind wir für ihren Krieg.“
Wir wollten ihr in dieser Mai Ausgabe einen Text widmen. Nicht „nur“, weil sie zu den im Mai gefallenen HeldInnen gehört, sondern ihrer militanten Haltung wegen, die wir heute bei den Linken Bewegungen vermissen. Die folgenden Worte Meinhofs sollten Anlass sein, dass unsere GenossInnen und auch der pazifistischen Strömung innerhalb unserer Bewegung ihre weiß-realitätsferne „Haltung“ zu überdenken wenn es um den bewaffneten Kampf geht: „Wir sind engagiert für diejenigen, die versuchen sich von Terror und Gewalt zu befreien. Und wenn ihnen kein anderes Mittel als die des Krieges übrigbleibt, dann sind wir für ihren Krieg.“ Was früher für Meinhof Vietnam war, wäre für sie heute Kurdistan. Was früher die deutsche Stadtguerilla RAF war ist heute die kurdische Stadtguerilla YPS in Nordkurdistan. Meinhof war eine Frau der Taten und erklärte dem Staat den Krieg. David vs. Goliath. Sie zeigte, dass Widerstand möglich ist und auch innerhalb vier kalkweißer Wände gelebt werden kann. Dafür muss man, wie einst Meinhof, zur Erkenntnis kommen, dass keine Veränderungen innerhalb des Establishments möglich sind. Jedenfalls keine revolutionären Veränderungen. Nur die Notwenigkeit des Militanten schafft einen revolutionären Umbruch. Sie erkannte, dass ihre Artikel weder die Alt-Nazis aus dem Amt brachte noch dass der Bullentäter hinter Gitter kam. Diese unbequeme Erkenntnis erfordert aber, dass man aufhört sich selber zu belügen und sich nicht weiter der Realität entzieht. Meinhof ist mit ihrem Sprung aus dem Fenster gleichzeitig auch aus verhassten, falschen Leben im System gesprungen. Hätte sie den Zeitpunkt verpasst, wäre sie heute nicht eine der größten Ikonen des Widerstands geworden, nur eine Journalistin im Establishments. JedeR muss sich nur folgende Frage stellen: „ Werde ich auch rechtzeitig aus dem Fenster springen können oder habe ich den Sprung schon verpasst?“ Ulrike Meinhof – Sie war so viel mehr als nur ein paar (epische) Bomben.