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Über die Verzerrung der Liebe in der kapitalistischen Moderne-1

by rcadmin

Liebe. Wie viele Gedichte wurden schon über sie geschrieben, wie viele Kunstwerke erschaffen, wie viel philosophiert? Wie viel Tinte ist schon über die Liebe geflossen?

HÊLÎN DÎRÎK

Nicht ohne Grund ist das Thema Liebe so bewegend und beschäftigt die Menschheit schon seit jeher. Wir streben nach Liebe, und gleichzeitig bleibt ihre wahre Bedeutung uns doch irgendwie ein Rätsel. Wir treffen heute auf verschiedenste Definitionen von Liebe. Mal heißt es, die Liebe könne uns alle retten. Mal heißt es, Liebe mache “blind”. Mal tut sie weh, mal ist sie Heilung. Mal ist sie das größte Glück und mal ist sie nur eine reine Herzensqual. Doch was davon kommt der Wahrheit wirklich nah und von welcher Liebe wird bei diesen Definitionen überhaupt gesprochen?

In einer Gesellschaft, die von Kapitalismus, Egoismus, Sexismus, Massenmedien und zunehmender (Selbst-)Entfremdung geprägt ist, erscheint uns die Bedeutung und das Wesen der Liebe immer verschwommener. Wir können sie nicht mehr fassen, nicht mehr richtig begreifen und erleben. Doch lässt sich wohl schwer leugnen, dass die Liebe in seiner schönsten Vielfalt und in allen möglichen Formen existiert. Liebe ist eine Kraft, die in uns selbst entsteht und lebt und die uns immer zum Besseren und Schöneren bewegt. Doch wer in der Liebe nur eine Zuflucht sieht und sich inmitten einer sonst anonymen, gewaltsamen und egoistischen Gesellschaft eine kleine sichere Hütte aus Liebe zu bauen versucht, wird früher oder später höchstwahrscheinlich enttäuscht.

Mit der Liebe verhält es sich ähnlich wie mit einer Revolution. Beides unterliegt oft großen Missverständnissen. Genauso wie eine Revolution niemals endet, endet auch die Liebe nicht an einem bestimmten Punkt. Viele glauben, dass eine Revolution ein Ereignis sei, dabei ist Revolution viel mehr ein permanenter Prozess. Genauso ist es mit Liebe. Liebe ist kein Ereignis. Liebe bedeutet nicht, im Falle der romantischen Liebe zum Beispiel, sich einmal zu verlieben und sich danach auf diesem Ereignis auszuruhen. Liebe beinhaltet Aktivität, Liebe ist eine fließende Energie. Liebe bedeutet, sich auch neuen Situationen und Herausforderungen stellen zu können, denn die Liebe selbst ist die Kraft, die dafür benötigt wird. Liebe ist nichts statisches. Jemanden zu lieben bedeutet nicht, sich auf dieser Person auszuruhen. Nein, wahrhaft zu lieben heißt, sich immer wieder füreinander einzusetzen, einander zu respektieren, mutig und ehrlich zu sein und die Liebe zueinander in die ganze Welt hinauszutragen, damit die Liebe nicht nur zwischen zwei Menschen bleibt, sondern die ganze Welt die Kraft dieser Liebe mit spürt. Der Philosoph Erich Fromm liegt sehr richtig, wenn er sagt: “Wenn ich einen Menschen wahrhaft liebe, so liebe ich alle Menschen, so liebe ich die Welt, so liebe ich das Leben.”1

Die Liebe in der modernen Gesellschaft, vor allem die romantische Liebe, ist großen Herausforderungen und Schwierigkeiten ausgesetzt. Aber auch die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Gesellschaft und Individuum und auch zwischen Mensch und Natur muss neu gedacht werden. Es gilt außerdem, die Liebe zwischen Frauen zu revolutionieren. Frauen dürfen einander keine Konkurrentinnen sein, und zwar in jeglicher Hinsicht. Die Konkurrenz und Isolierung unter Frauen ist eines der wichtigsten Werkzeuge des Patriarchats. Hierbei spielen in den letzten Jahren soziale Medien eine große Rolle. Soziale Medien sind einerseits eine große Möglichkeit für Frauen, sich zu vernetzen und global zu solidarisieren. Viele feministische Autorinnen, Journalistinnen, Bloggerinnen und Aktivistinnen konnten in den letzten Jahren über soziale Medien die Entwicklung eines neuen Bewusstseins positiv beeinflussen. Die andere Seite der Medaille spielt sich dagegen hauptsächlich auf Seiten wie Instagram und Youtube ab: Der übermäßige Konsum von Mode, der oft übertriebene Fokus auf Make-Up und äußerliche Schönheit und die Inszenierung eines “wohlhabenden” Lifestyles werden idealisiert. Die Konkurrenz zwischen Frauen wird verstärkt und es findet eine große Ablenkung von dem statt, was im Leben und Alltag jeder Frau geschieht, was sich vor unseren Augen abspielt: frauenfeindliche, patriarchale Mechanismen, die sich noch immer bewährt haben.

Um in einer patriarchalen Welt jemanden wahrhaft lieben und respektieren zu können, egal auf welche Weise, muss der von der patriarchalen Gesellschaft gemachte Mann – in Rêber APOs Worten – getötet werden. Damit ist nicht gemeint, dass Männer sterben sollen, sondern vielmehr dass gegen die frauenfeindliche, hegemoniale Männlichkeit angekämpft wird. Ob es sich nun um die Schwester, Tochter, Mutter oder Geliebte handelt: Um eine Frau lieben zu können, muss das Verlangen des Mannes nach Kontrolle und Macht für immer aufgegeben werden. Die herrschenden patriarchalen Traditionen müssen gebrochen werden. Heutige “Liebesbeziehungen” zwischen Frauen und Männern, die oft weit entfernt von wahrer Liebe sind, beruhen in den meisten Fällen auf Geschlechterrollen, Machtkämpfen und Gewalt jeglicher Art. Die Ehe wird, vor allem von Frauen, oft als das Ereignis im Leben betrachtet, durch das man Geborgenheit und Liebe erlangt. Dabei ist die Ehe eines der größten Mittel der Unterdrückung der Frau, der Gesellschaft und der Jugend. Durch die zunehmende Romantisierung der Ehe ist vielen Menschen der Ursprung dieser Institution und ihr patriarchaler Charakter nicht mehr bekannt. Es ist vielen von uns nicht ausreichend bewusst, dass die Ehe ein Werkzeug des Patriarchats und des Kapitalismus ist, durch das Frauen dazu gedrängt werden, ihre Rolle als Reproduktionskraft und kostenlose Arbeitskraft zu spielen. So alternativ und demokratisch diese Ehe auch gestaltet sein mag, so bleibt sie doch eine Institution des patriarchalen Systems, und Liebe kann niemals institutionalisiert werden, vor allem nicht in den Staaten der kapitalistischen Moderne. Doch auch abgesehen davon sind Geschlechterrollen und Gewalt in der Ehe und in Partnerschaften immer noch Thema. Die sexistische Sozialisierung führt oft dazu, dass Männer sich frauenfeindliches Verhalten erlauben und Frauen zudem denken, sie müssten sexualisierte, körperliche und verbale Gewalt “ertragen” und dulden. Und das ist nur ein gesellschaftliches Problem von Tausenden.

Aber auch wenn es eine unglaublich große und schwierige Aufgabe ist, diese seit 5000 Jahren tief verwurzelte Mentalität zu bekämpfen, ist es, vor allem wenn die Jugend ihren Beitrag leistet, möglich, alte Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Überzeugungen aufzugeben und sein Wesen von Neuem zu erschaffen, das Herz komplett zu revolutionieren.

Die Jugend ist, wie es der derzeit inhaftierte Journalist und Aktivist der Black Panther Bewegung Mumia Abu-Jamal schreibt, der natürliche Träger revolutionärer Energie: “In der Tat sind junge Menschen in ihrem Wesen durchflutet von einem revolutionären Prozess der Transformation. Dann brodelt es in ihrem Körper wie bei einer Revolution, und indem sie sich persönlich verändern, werden sie auch zum Quell von Veränderungen ihrer Umgebung und erfüllen den gesellschaftlichen Wandel mit ihrer Lebenskraft.”2 Wenn die Jugend diesen radikalen Wandel vollbringt, wird sie gleichzeitig die ganze Gesellschaft mitreißen und die Geburt einer neuen Gesellschaft und wahrhaft revolutionärer Liebe hervorbringen. Um Liebe zwischen einem Mann und einer Frau verwirklichen zu können, ist es nicht nur wichtig, dass jeder eine eigene Veränderung durchmacht. Es muss auch eine gemeinsame Rebellion, ein gemeinsamer Kampf entstehen. Das kann manchmal auch bedeuten, dass man gegeneinander kämpfen muss. Gegeneinander zu kämpfen bedeutet aber keineswegs, dass man einander nicht liebt, sondern dass man durch scharfe Kritik und Selbstkritik gegen den verinnerlichten Sexismus kämpft. Die Zustände, die die Liebe fast unmöglich machen, dürfen nicht akzeptiert werden. Unser 2017 in Reqa gefallener Genosse Mehmet Aksoy (Fîraz Dag) richtete diese starken Worte an uns alle: “Beugt euch nicht dem Kapitalismus, dem Materialismus! Beugt euch nicht den hässlichen Beziehungen, der Lieblosigkeit und Respektlosigkeit, der Entwürdigung, der Ungleichheit. Beugt euch nicht!”

Wer wirklich liebt, muss gegen all diese Mechanismen kämpfen, die der Liebe im Weg stehen. Und diese Mechanismen erst zu entschlüsseln und sich dagegen aufzulehnen ist eine große Aufgabe, die sich uns als Jugend stellt. Die Ideale einer freien Gesellschaft müssen angestrebt und gemeinsam verwirklicht werden, denn alles andere darf nicht akzeptiert werden, wenn wir wirklich lieben.

1Erich Fromm in “Die Kunst des Liebens” (1956).

2Mumia Abu Jamal: Hitze der Veränderung. (Kolumne für die “junge Welt”, Ausgabe vom 24.07.2017)

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