Home ALLE BEITRÄGESTÊRKA CIWAN Über die Verzerrung der Liebe in der kapitalistischen Moderne-2

Über die Verzerrung der Liebe in der kapitalistischen Moderne-2

by rcadmin

Wer das Lieben kennt, wer mit dem Zauber von Liebe in Berührung kommt, sucht nicht mehr nach irgendeinem höheren Sinn in seinem Leben und stellt keine Fragen mehr.

HÊLÎN DÎRÎK

Ein Mechanismus, oder vielmehr eine Krankheit, die die industrialisierte Gesellschaft seit mindestens einem Jahrhundert plagt, ist die zunehmende Anonymität der Menschen untereinander. Das zeigen zum Beispiel die faszinierenden Gedichte der literarischen Epoche des Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Individuum entfremdete und entfernte sich allmählich nicht nur von sich selbst, sondern auch von seinen Mitmenschen. Dieser damals neue Zustand vor allem in den Großsstädten erschien den Künstlern und Dichtern dieser Zeit vielleicht noch bedrohlicher als unserer Generation. Heute ist das anonyme Großstadtleben für viele von uns zur Normalität geworden. Eine Genossin sagte mir vor Kurzem: “In Deutschland kannst du in deiner Wohnung sterben und es könnten Monate vergehen ohne dass es jemand überhaupt bemerkt”. An diesem Satz ist wirklich etwas Wahres dran. Oft nehmen wir die Isolation und das Alleinsein als bequem wahr. Keiner mischt sich in dein Leben ein, du kannst tun und lassen was du willst. Keiner wird etwas von dir fordern. Du kannst sogar in deinem eigenen Dreck versinken, ohne dass es jemanden kümmert. Doch die Sinnlosigkeit und Leere holt einen früher oder später ein. Man verliert den Sinn der eigenen Existenz aus den Augen. Und je mehr man sich von der Gesellschaft, vom sozialen Leben entfernt, umso unglücklicher wird man und umso sinnloser scheint sowohl die eigene Existenz als auch die Existenz der ganzen Welt.

Liebe schenkt Bedeutung. Liebe verleiht unserem Leben einen Sinn. Wer das Lieben kennt, wer mit dem Zauber von Liebe in Berührung kommt, sucht nicht mehr nach irgendeinem höheren Sinn in seinem Leben und stellt keine Fragen mehr. Denn im Lieben finden wir Leben, Erfüllung und Freiheit. Das ist vielleicht der Grund dafür, warum viele Menschen so viel Hoffnung darauf setzen, eine zweite Person in ihr isoliertes Leben hineinzuziehen. Aber ob man sich alleine oder zu zweit isoliert – Isolation bleibt Isolation. Liebe kann in der Isolation auf Dauer sowieso nicht gedeihen. Wer nicht an das kollektive Leben und an eine Gemeinschaft gebunden ist, wird sich irgendwann in einer riesigen Enttäuschung wiederfinden. Ähnliches können wir auch in der Beziehung zwischen Eltern und ihrem Kind beobachten. Wenn Eltern ihrem Kind gegenüber besitzergreifend sind, das Kind fast schon an sich reißen und von der Gesellschaft fernhalten, ist es sehr wahrscheinlich, dass es später zum einen Ängste und Distanz der Gesellschaft gegenüber entwickelt und gleichzeitig auch die eigene Autonomie des Kindes sich nicht ausprägen kann. Ein Kind, das in einem liebevollen und sozialen Umfeld aufwächst, lernt dagegen die Werte von Liebe und Kollektivität kennen. Letztere sind im Wesen des Menschen verankert. Menschen brauchen Gemeinschaft, Menschen sehnen sich tief nach einem Gefühl von Zusammenhalt und Solidarität. Entfremdung und Isolierung sind dem Menschen so zuwider, dass vor 100 Jahren eine ganze künstlerische Strömung entstand, der sich nach einem Umbruch sehnte und die zunehmende Anonymität nicht ertragen konnte.

Wenn sich zwei Menschen lieben, dürfen sie einander nicht als Zuflucht vor der Einsamkeit betrachten. Sie dürfen einander nicht konsumieren. Konsum ist keine Liebe. Wir sind an das Konsumieren gewöhnt. Und genauso sind wir das Wegwerfen gewöhnt. Wir kaufen zum Beispiel voller Begeisterung ein Auto. Irgendwann gefällt es uns nicht mehr, dann wird es einfach ausgetauscht, wir kaufen einfach ein neues Auto, denn was wir suchen ist schließlich ein makelloses Etwas. Eines der größten Fehler, den viele Menschen heute machen, ist es, dieses Konsumverhalten auch auf Liebe und Freundschaft zu übertragen. Irgendetwas passt uns nicht. Wir erwarten, dass unser Gegenüber perfekt ist, obwohl wir selber noch lange nicht perfekt sind. Und dann wird die Partnerschaft oder die Freundschaft einfach wieder ausgetauscht. Wir werfen den Menschen einfach weg, weil er uns nicht mehr gefällt, weil der Mensch nicht “unseren Vorstellungen entspricht”. Und weil wir im Kapitalismus darauf trainiert werden, immer alles zu berechnen, sind wir auch in der Liebe und in Freundschaften kalkulierend und berechnend. Wenn uns ein Mensch enttäuscht oder verärgert hat, nehmen wir diesen Menschen als “Verschwendung” wahr, wir ärgern uns darüber, Liebe, Zeit und Vertrauen “investiert” zu haben, als hätte unsere Liebe einen Tauschwert oder als wäre sie begrenzt. Ich brauche hier wohl nicht zu sagen, dass dieses Verhalten weit weg ist von dem, was wir Liebe nennen. Liebe bedeutet nicht, sich eine Puppe zu suchen, die man besitzen und nach eigenem Belieben schminken und ankleiden, oder auch einfach wegwerfen kann. Liebe bedeutet Kampf. Und das bedeutet nicht Kampf gegen etwas, sondern in erster Linie ein Kampf für etwas. Die Liebe muss kämpfen, um sich selbst zu erfüllen. Nur wer für Liebe kämpft, ist der Liebe würdig. Und dies gilt nicht nur für romantische Liebesbeziehungen, sondern für alle Formen von Liebe und Zwischenmenschlichkeit. Wir fliehen einfach, wenn uns etwas nicht passt. Die Anonymität und die Möglichkeit der Selbstisolierung geben uns zusätzlich dazu die Bequemlichkeit, uns einfach zurückzuziehen und uns unseren Problemen nicht zu stellen. Dabei halten wir oft besonders viel von uns und wollen uns deshalb nicht in die Gefahr begeben, von anderen kritisiert zu werden. Wir könnten uns nämlich auch einfach wieder in unsere einsame, sichere Höhle verkriechen. Ängste dieser Art sind es, die uns oft von wahrer, inniger Liebe abhalten.

Dies ist noch lange nicht alles, was sich zum Thema Liebe sagen lässt. Wir müssen aber vor allem verstehen, dass Lieben ein starkes Bewusstsein, einen großen Kampfgeist und den Willen erfordert, sich zu verändern und die Gesellschaft zu transformieren. Denn in einer Gesellschaft, in der unsere Persönlichkeiten verseucht sind von Egoismus, Konkurrenz und Angst, kann keine Liebe gedeihen.

Die schwarze Feministin und Visionärin bell hooks schreibt: “Angst steht der Liebe im Weg”1. Da wo Liebe ist, hat Angst keinen Platz. Wer für Liebe kämpft, kennt keine Ängste mehr und erlangt die nötige Stärke, um einer freien, sozialistischen Gesellschaft den Weg zu ebnen. Liebe ist eine stärkere Kraft als Wut, Angst und Hass. Etwas zu erschaffen ist vielleicht schwieriger, aber viel stärker, als etwas zu zerstören. Und das ist vielleicht auch eines der schönsten Dinge, die wir von der kurdischen Bewegung lernen können.

Öcalan schreibt: “Wenn du leben willst, dann lebe in Freiheit” – genauso können wir als Frauen, Jugendliche, Philosoph*innen, Künstler*innen, Kämpfer*innen und Revolutionär*innen, die die Geburt einer neuen Gesellschaft einleiten werden, sagen: “Wenn du lieben willst, dann liebe in Freiheit”.

1 bell hooks in “All About Love” (2001).

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