Home ALLE BEITRÄGEJUNGE FRAUEN Über Gefühle, die wir wahre Liebe nennen

Über Gefühle, die wir wahre Liebe nennen

by rcadmin

Wir fühlen alle, doch wir verstehen nicht immer was genau Gefühle sind. Das liegt vor allem daran, dass unsere Gefühle massiv manipuliert werden. Vor allem als Frau werden alle unsere Bewegungen, Denkweisen und sogar Gefühlswelten vorbestimmt. Unsere falsch gelenkten Gefühle führen uns geradeaus in tiefste Widersprüche und Krisen.

MAZDA MARIYA

Wir sind mit falschen, übertriebenen Gefühlen, triebgesteuerten Gedanken und Handlungen verdreckt, die eher ein tierisches Muster haben als ein menschliches. Falsche Gefühle, die uns jeden Tag im TV- Serien, Reklame, Filme, Musik- überwältigen. Filme präsentieren uns jedes Mal eine Scheinwelt- „perfekte“ Gesichter, perfekte Liebe, viel Geld, Schönheit, Schönheit und Schönheit. Alles wie gemalt, nichts so wie es wirklich ist. Wir reden von Schönheiten, die im Innern weniger bedeutend sind als heiße Luft. Dabei sind es Frauen, die wie Werbeprodukte 24 Stunden zu funktionieren haben und ihre Schönheit präsentieren. Als Beispiel möchte ich die türkischen Serien aufgreifen. Wir werden bei diesem mit einem total chaotischen Weltbild konfrontiert: Das östlich-feudale Familienbild wird mit der westlich-kapitalistischen Weltanschauung fusioniert. Was entsteht ist ein völliges Durcheinander: Frauen die in High Heels und Make-up den Hausflur wischen. Frauen die zwanghaft versuchen westlich auszusehen und sich der Familie und vor allem den Wünschen des Vaters unterordnen müssen. Menschen, die sich von einer Beziehung und Affäre in die nächste stürzen.

Uns werden überall Ideale vorgeworfen, denen wir nicht gerecht werden können: Wie muss man aussehen, wie muss man anfassen, wie muss man lieben, wen muss man lieben. Es gibt einen ernsthaften Widerspruch zwischen Realität und Medium. Natürlich wissen wir das. Aber seien wir ehrlich; wir konsumieren ständig diese Medien. Auf irgendeine Art und Weise hat es immer einen Einfluss. Sonst könnte es nicht sein, dass direkt nach solchen Sendungen folgende Werbung auftaucht: „Nasen-OP noch vor der Hochzeit- Korrigieren Sie jetzt Ihre Fehler noch vor Ihrer Hochzeit“. Das Medium präsentiert schließlich das, was die Masse sehen möchte. Selbst wenn nicht immer in der Position der Hauptrolle, die Liebe hat immer ihren wichtigen Platz im Medium. Lieder, Filme, Serien, Werbungen… Glück und Sinnhaftigkeit des Lebens scheint durch die Beziehung zwischen Mann und Frau erfüllt zu werden. Aber welche Art von Beziehung? Liebe wird als Empfinden zwischen zwei Personen dargestellt. Dabei wird Sex viel zu sehr zentralisiert, viel zu sehr romantisiert. Sind Menschen noch Menschen, wenn sie wie Tiere von ihren Trieben kontrolliert werden, statt sie zu kontrollieren? Körperliches Verlangen unabhängig von Charakter und Weltanschauung bestimmt heutzutage sogar über die Partnerwahl. Und über all im Fernseher wird dieses Verhalten normalisiert, gelobt und hoch angesehen. In Musikvideos werden Frauen mit unnatürlichsten Körperproportionen als ansehnlich, wertvoll dargestellt. Es entsteht ein völlig surreales Körpermodell. Vorstellungen von Frau und Mann verrücken sich auf eine so unnatürliche Art und Weise, dass kein Mensch den Vorstellungen gerecht werden kann. Mann muss immer besser aussehen um zu gefallen. Man sucht verzweifelt nach Liebe, obwohl die Liebe, der Mensch an sich nicht im Vordergrund steht. Das was im Vordergrund steht, ist die Selbsterfüllung, das Ansehen. Zudem ändern sich Schönheitsideale ständig. Der Körper ändert sich im Laufe der Zeit ebenfalls, z.B. durch das Altern, Krankheit usw. Kann eine Liebe, die nur auf aktuellen Schönheitsmerkmalen beruht und ein Produkt der Triebsteuerung ist, ewig dauern? Und kann man das dann Liebe nennen?

Schönheitsideale sind Produkte der Massenmedien. Auch Liebesbeziehungen werden in den Medien geprägt. In Medien wird uns die so genannte „Hass-Liebe“ verkauft. Es scheint normal zu sein, dass in einer Beziehung manchmal Hassgefühle aufkommen. Übertriebene Diskussionen, Streitigkeiten die sich um kleine Dinge drehen werden normalisiert. In der modernen Liebesbeziehung haben wir auch Phänomene wie die Eifersucht. Eifersucht ist einfach nur die Angst, dass etwas was dir „gehört“ aus deinen Händen fallen könnte. Deshalb packst zu fester zu, und lässt nicht zu, dass du deinen Ehepartner oder deine Ehepartnerin verlierst. Der Mensch wird zum Objekt, zum Besitz, etwas worüber man Kontrolle ausüben muss. Man fängt an mit anderen Menschen zu konkurrieren und sie ausstechen um besser dazustehen. Man belügt und betrügt sich gegenseitig, es gibt immer ein ungleiches Machtverhältnis zwischen beiden. Einer ist immer die/der Mächtigere entscheidet alles, verletzt, unterdrückt und regiert. Nutzt aus und denkt nur an sich.

Seit wann ist die Liebe wie der Staat?

Trotz all den Problemen wird im nächsten Moment die perfekte Liebe dargestellt. Übertriebene Gefühle, ohne einander nicht mehr Leben zu können, für einander geschaffen zu sein, ständig die Partnerin/ den Partner zu vermissen, stets Glücklichkeit auszustrahlen, obwohl es im Innern „Hass“ gibt, obwohl es ständige Trennungen gibt. Gerade das ist so gefährlich.
Trotz dieser Krisen hält sich das Modell Liebe aufrecht: Auch wenn man nicht glücklich ist, wird es so präsentiert, als wäre man der glücklichste Mensch auf Erden, andere Menschen werden stark beeinflusst und lernen, dass es um glücklich zu sein Liebe braucht. Liebe wird nicht mehr zum Gefühl, es wird ein Ziel, ein Verkaufsobjekt. In einer Beziehung zu sein erhöht den Status, in allen sozialen Netzwerken, z.B., muss es Beziehungsfotos geben, jeder muss wissen wie glücklich man ist. Alles wird maßlos verschönert, romantisiert und anders dargestellt als Liebe wirklich ist. Wenn Menschen heutzutage davon berichten, dass „das Innere des Menschen zählt“, wird oft die Bedeutung des Satzes missachtet. Gewissen, Moral, natürliche Charaktereigenschaften, Einfluss der Herkunft, Menschlichkeit – das alles wurde vom kapitalistischem System ausgebeutet. Menschen werden nicht als gleichwertig betrachtet, Egoismus und Faschismus wird weiterentwickelt. In einer Beziehung gibt es Herrschende. Liebe wurde zum Eigenzweck. Das Staatssystem (die Regierungen, Machtmonopole, der Egoismus, Faschismus und Sexismus) ernährt sich wie eine Zecke von unserem Blut. Wir leben das System mit unseren Beziehungen weiter und die kapitalistische Denkstruktur wird so weiterentwickelt. Kapitalismus ist der Inbegriff für Unmenschlichkeit und wir glauben ernsthaft daran, dass zwischen egoistischen Menschen – Menschen die sich jeweils selbst für wichtiger halten, ständig nach eigenem Interesse handeln und nur an sich denken – Liebe entstehen kann?

„Ich verdamme meine flüchtigen Gefühle“ [Ş. Selma Doğan]

Ich lese den Tagebucheintrag von Selma Dogan. Sie sagt, dass sie ihre flüchtigen Gefühle verdammt. Warum flüchtige Gefühle? Als Frau wird man – ob man will oder nicht- in falsche Kategorien und Gefühlswelten geworfen. Die wahren Gefühle der Frau werden ausgeleert. Wir werden zu lebenden Sexobjekten, zu Konsummonster (Klamotten, Make-up, Schönheitsoperationen) die versuchen den Idealen gerecht zu werden. Frauen werden für 10 Minuten verkauft, treten mit anderen Frauen in widerlichste Wettkämpfe, stechen sich gegenseitig aus, ihre Gefühle und Körper werden missbraucht. Es ist wie in einem Überlebenskampf, in dem die Liebe und die Bindung an einen Mann als Ausweg präsentiert wird. Flüchtige Gefühle, denn Gefühle sind oberflächlich geworden, sie sind missbraucht worden, sie binden uns an die falschen Sachen. Wir werden von flüchtigen Gefühlen und falscher Liebe geblendet um die wahren Geschehnisse in der Welt nicht zu sehen, um die Unterdrückungen des Mannes nicht zu realisieren und wenn sie es realisiert, lernt sie zu akzeptieren, zu ignorieren, statt zu kämpfen. Wenn es ein Geschlecht gibt, dass kämpfen muss, ist das die Frau, denn in allen 90 Sekunden wird eine Frau vergewaltigt. Jährlich werden 135.000.000 Frauen gegen ihren Willen beschnitten und zwei Millionen Frauen auf dem Markt verkauft.

Unsere Liebe ist noch egoistisch. Wir haben noch nicht gelernt die Menschen, das Leben an sich zu lieben. Wir wissen noch nicht, was Werte und Menschlichkeit bedeuten. Wie können wir den Partner wirklich tiefgründig wertschätzen, ehren und Respekt vorzeigen, wenn wir verlernt haben was Werte und Respekt sind? Wie wertvoll ist die Liebe, wenn in so gut wie jeder Beziehung Lügen weit verbreitet ist? Wie sollen wir mit Werten umgehen, wenn wir nicht wissen was Werte sind?

Unser Verständnis von Liebe ist faul. Die moderne Liebe ist faul. Die Gefühle die wir fühlen versklaven den Menschen, versklaven die Frauen. Unsere Gefühle beschränken sich auf wenige Menschen, während Millionen von Menschen auf unser Mitgefühl, auf unsere Hilfe, auf etwas Aufmerksamkeit und Menschlichkeit warten. Die moderne Liebe ist eine Lüge.

Ich verdamme meine flüchtigen Gefühle am Horizont des Aufstandes. Denn ich sehe, dass meine Gefühlsschwankungen sehr egoistisch sind, dass sie wie ein Ungeheuer meine Gefühle, meinen Geist, meine Gedanken, meine Kreativität und meine Zeit fressen. (…) Ja, ich habe mich gegen meine flüchtigen Gefühle und Träume aufgelehnt. Ich sehe ein, dass ich, um die Außenwelt besiegen zu können, zuerst mich besiegen muss. Die Wut über mich selbst, die Wut gegen alles, was uns widerspricht, bringt mich zu mir selbst. (…) Ich spüre das Licht nach der schmerzhaften Phase. Melsa, ein Mensch kann ohne Licht nicht leben. Die Dunkelheit bringt mich dazu, mich wie eine Irrende bis zum Tod auf die Suche nach dem Licht zu machen. Ich werde entweder sterben oder das einzige Licht, die Revolution, umklammern, Melsa.

Tagebucheintrag von Selma Doğan (Zinarîn) vom 11. Februar 1997

ÄHNLICHE ARTIKEL