„Die Jugend soll den Kibbuz in Israel ähnliche landwirtschaftliche Kooperativen entwickeln“.
(Rêber APO)
Dîrok Havîn – STERKA CIWAN
Wenn wir lesen, was Rêber Apo der Jugend vorschlägt, stellen sich uns zu aller erst zwei Fragen. Was ist ein Kibbuz und was sind Kooperativen?
Kibbuze sind Dörfer oder kleine Siedlungen die in ganz Israel/Palästina verteilt sind. Sie wurden damals ab 1910 von den jüdischen Einwanderern/Besetzern in Palästina gegründet und bestehen bis heute – auch wenn sie heute weniger geworden sind und für die Gesellschaft und Wirtschaft nicht mehr so eine große Rolle spielen. Man kann sich einen Kibbuz in etwa so vorstellen; Es ist wie ein großes Dorf in dem viele Menschen zusammenleben. Alles Geld was von ihnen erarbeitet wird kommt in einen großen Topf und alle bekommen das, was sie zum leben brauchen. Oft wird gemeinsam gegessen und alle Arbeiten untereinander verteilt. Früher hatten die Kibbuze auch eigene Selbstverteidigungseinheiten. Fast alle Kibbuze leben von der Landwirtschaft und teilweise gibt es in ihnen, je nach Größe sogar eigene Schulen, kleine Läden, Sportplätze etc. Mit dem Anwachsen der Städte, dem immer stärker werden des Kapitalismus in Israel und den immer weniger werdenden Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft verließen viele Menschen die Kibbuze.
Die Idee des Kibbuz war geprägt vom Sozialismus. Alle sollten soviel arbeiten wie sie konnten und bekamen das, was sie zum leben brauchten. Es wurden gemeinsam Entscheidungen getroffen. Außerdem gab es den Versuch der Gleichstellung zwischen Mann und Frau (z.B. auch bei der Selbstverteidigung) und die Selbstorganisation von Selbstverteidigung und anderen Bereichen des Lebens.
Kooperativen sind gemeinsam geführte Betriebe. Das kann von kleinen Läden bis zu großen Fabriken reichen. Der Schwerpunkt liegt bei den Kooperativen auf der Art und Weise wie Entscheidungen getroffen werden und wer wie viel Geld bekommt. Im Gegensatz zu normalen Unternehmen, Läden etc. wo es meist einen Chef oder eine Chefin gibt die alles entscheidet und das meiste Geld bekommt, sieht das bei Kooperativen anders aus. Dort werden Entscheidungen gemeinsam getroffen, es gibt also nicht den Unterschied zwischen Chef und Arbeiter. Dadurch gibt es auch keinen Grund mehr, jemandem mehr oder weniger Geld zu geben und alle werden gleich bezahlt bzw. bekommen soviel, wie sie zum Leben benötigen.
Was aber bedeutet das nun alles für uns Jugendliche? Die Jugendbewegung Kurdistans schreibt dazu in ihrem Manifest:
„Der Aufbau der Gemeinschaftswirtschaft, die in Hinsicht auf alle wirtschaftliche Bereiche
umfassender Projekte bedarf, ist auch eine der Aufgaben der Jugend. Die Jugend muss mit ihrer Energie, Dynamik und Produktivkraft die Wirtschaft anführen. Eines der Ziele, die sie
sich setzten muss, ist die Gründung von kommunalen Kooperativen, die alle wirtschaftlichen
Bereiche innerhalb der kurdischen Gesellschaft anspricht. Für die Entwicklung von landwirtschaftlichen Kooperativen, Wirtschaftskooperativen, städtischen und ländlichen Kooperativen muss sie sich ohne irgendwelche Erwartungen von irgendjemandem in Bewegung setzen.“
Die Menschen überzeugen, indem wir die Fantasie Wirklichkeit werden lassen
Oft wenn wir darüber nachdenken wie gerade unsere Arbeitssituation ist, empfinden wir ein Gefühl von Ungerechtigkeit. Wir arbeiten viel und kriegen kaum Geld. Oft sehen wir, wie der Chef oder die Chefin ein großes Auto fährt, teure Klamotten trägt. Immer wieder denken wir darüber nach, selbst einen Laden aufzumachen. Wir denken, wenn ich Chef wäre, würde ich das anders machen. Ich würde meine Mitarbeiter nicht anschreien oder sie länger arbeiten lassen, als im Vertrag steht und so. Wir stellen uns vor, das wir einfach die Rollen tauschen in diesem System. Das wird aber nicht funktionieren. Das ist im Grunde genommen genau wie beim Staat. Man denkt man könnte einfach einen Staat aufbauen und dann alles gut darin machen und allen Menschen würde es gut gehen. Aber so läuft das nicht. Weder ein normales Unternehmen, das mit Hierarchie von Chefin und Arbeiter funktioniert, noch ein Staat werden dadurch gut, dass man ihre Rollen austauscht bzw. gute Leute hineinbringt. Was wir dabei oft vergessen ist, dass dieses System, also der Staat oder dieses Unternehmen nur so funktionieren. Es gibt keinen guten Staat, keine guten Unternehmen mit Chef und Chefin. Denn es funktioniert durch Hierarchie, durch Ungleichheit in den beiden Systemen. Deswegen lasst uns gemeinsam neue Vorstellungen entwickeln. Warum stellen wir uns nicht einfach einen Betrieb, ein Cafe, einen Laden vor, in dem es keine Chefin oder Chef gibt. Alle entscheiden gemeinsam, niemand kriegt weniger Geld.
Lasst uns an Diskussionen anknüpfen, die Revolutionäre, Linke, Sozialistinnen schon seit Jahrhunderten überall auf der Welt führen. Bücher lesen wie „Was tun?“ von Tschernyschewski, in dem es um den Aufbau von Kooperativen in Russland des 19. Jhd. geht. Von Anarchisten wie Kropotkin und dazu forschen, was für Beispiele von Kooperativen es in der Geschichte gegeben hat um daraus zu lernen.
Wenn wir als kurdische Jugend in Europa den Menschen hier, besonders der Jugend, eine Alternative bieten wollen, wenn wir sie von den Ideen unserer Bewegung überzeugen wollen und davon, dass die Ideen Rêber Apos funktionieren, dass müssen wir erst selbst davon überzeugt sein und sie dann umsetzen. Das bedeutet folgendes: Wir müssen uns dieses neue System vorstellen und dann damit beginnen es selbst aufzubauen. Erst dann werden die Menschen daran glauben, dass es funktioniert. Erst dann werden vielleicht auch andere Jugendliche anfangen anders zu denken und zu leben. Oft genug hören wir von Leuten, dass unsere Ideen nicht funktionieren. Sie sagen, demokratischer Konföderalismus klingt gut, funktioniert aber nicht. Wenn wir dann aber auf Rojava zeigen, können wir sie vom Gegenteil überzeugen. Es ist nicht nur eine Idee, eine Fantasie, es gibt hunderttausende Menschen die sie leben, die sie Realität werden lassen. Genauso müssen auch wir als Jugend denken und handeln. Wenn die Menschen, die Jugendlichen zu uns sagen, so eine Kooperative kann nicht funktionieren, da verdient man nichts, das dauert zu lange zu entscheiden, dann werden wir sie erst vom Gegenteil überzeugen können, wenn wir diese Kooperativen selbst aufbauen. Sei es in Form von Jugendcafes, kleinen Läden oder Gartenkooperativen. Denn unser Ziel muss es sein, überall wo wir uns befinden, überall wo wir leben dieses neue System aufzubauen. Es soll nicht etwas sein, was wir gut finden, aber was weit weg von uns passiert. Wir müssen die Revolution in uns selbst, in unserem Leben selbst versuchen zu verwirklichen. Erst dann werden wir für die Menschen überzeugend. Wenn das was wir sagen, wenn das, von dem wir träumen, auch Wirklichkeit wird.
Vom Jugendrat zu Kooperativen der Jugend
Überall in Europa entstehen gerade Jugendräte. Wie etwa in Straßburg, Bielefeld oder London. Wir versuchen das Modell aus Rojava, das Modell des demokratischen Konföderalismus auch hier im Herzen der kapitalistischen Moderne umzusetzen. Oft merken wir, wie schwer uns das noch fällt. Gemeinsam Entscheidungen zu treffen, Aufgaben gerecht zu verteilen, Verantwortungen klar zu benennen. Doch mit der Zeit wird es leichter, es beginnt für uns zu einer Normalität zu werden. Wir können uns nicht mehr so richtig vorstellen, dass in der Jugend nur eine Person alles entscheiden darf, dass es einen Chef oder eine Chefin der Jugend gibt. Wir merken, dass wir so alle besser mit einbinden können. Langsam wird es für uns zur Normalität gemeinsam Entscheidungen zu treffen, uns eine demokratische Führung im Sinne von Kovorsitzenden zu geben und darauf zu achten das alle von uns Aufgaben übernehmen. Dies müssen wir nun beginnen auch auf den Bereich der Wirtschaft, auf den Bereich der Arbeit auszuweiten. Lasst uns in der Jugend darüber diskutieren, was es bedeuten würde ein Jugendcafe aufzubauen. Wie könnte so etwas aussehen? Was könnten wir damit erreichen? Würde es eine Möglichkeit bieten mehr Jugendliche zu organisieren? Lasst uns aber auch die Perspektiven der Ökologie mit einbeziehen. Für viele von uns ist die Tomate im Supermarkt zum intensivsten Kontakt mit der Natur geworden. Wir haben uns vollkommen von der Natur entfremdet. Wir haben keine Ahnung mehr, wann Tomaten wachsen oder wann Salat, weil es das im Supermarkt zu jeder Jahreszeit gibt. Immer, jeden Tag. Was könnte es aber bedeuten, sich dieses Wissen wieder anzueignen? Was würde es bedeuten, wenn wir als Jugendliche beginnen würden in einem Garten gemeinsam zu arbeiten? Könnte es eine Perspektive für uns sein, Gemüse anzubauen und es zu verkaufen? Kennen wir überhaupt noch den Unterschied zwischen Gemüse aus dem Supermarkt und frischem, selbst angebautem Gemüse? Lasst uns darüber diskutieren!
