İSYAN AGIRÎ
Wir reden häufig über die Verantwortung der Jugendlichen, oder allgemein die Verantwortung eines jeden Kurden und einer jeden Kurdin in diesem Freiheitskampf. Ob in privaten Gesprächen, in Sitzungen oder Konferenzen, wir diskutieren und kritisieren regelmäßig warum die Verantwortung in diesem gemeinsamen Freiheitskampf nicht tiefgründig erfüllt wird. Doch wir vernachlässigen oft den Hintergrund dafür. Hängt es vielleicht davon ab, das wir uns unserer Verantwortung nicht bewusst sind? Oder sind wir uns ihrer bewusst, aber werden der Verantwortung trotzdem nicht gerecht? Was verstehen wir überhaupt unter Verantwortung? Dass sollten wir sehr tiefgründig analysieren und uns in Bezug auf diese Problematik selbst hinterfragen.
Jeder Mensch gibt sich verschiedenen Verantwortungen hin. Denn jeder Mensch setzt sich bestimmte Ziele. Um diese Ziele zu erfüllen, nimmt er Verantwortung auf. Mütter und Väter setzten sich das Ziel, ihre Kinder zu erziehen und zu versorgen, sie gehen dafür Arbeiten und investieren ihre Zeit. Das wäre ein Beispiel für eine Verantwortung, die man übernimmt. Manche sehen ihre Schule als Verantwortung, Andere ihre Arbeit. Es gibt viele „Verantwortungen“ im Kontext des kapitalistischen Systems, die ich hier hätte aufzählen können. An dieser Stelle müssen wir uns selbst hinterfragen:
Wie weit können die Grenzen der eigenen Verantwortung gehen, bleiben sie nur im Rahmen des konformistischen Lebens, oder überwinden sie dieses?
Verantwortung bedeutet, etwas zu Ende zu bringen, das Ziel, was gesetzt wurde, zu erfüllen. Die Ziele, die wir setzen, zeigen uns für was wir Verantwortung fühlen oder fühlen wollen.
Kann man Ziele nur mit der eigenen kleinen Welt begrenzen? Also beispielsweise mit der Arbeit, Schule oder mit den eigenen Kindern?
Die Antwort auf beide Fragen ist ganz klar: weder die Verantwortung, noch die Ziele, die man sich setzt, dürfen von der eigenen kleinen Realität beschränkt sein. Nach dem kapitalistischen System jedoch, ist es genau das Gegenteil. Alles ist mit dir und mit deiner Familie begrenzt. Und so wird es uns auch beigebracht. Unsere Eltern verteidigen das meist sogar. Denn das kapitalistische System hat es mit seinen Methoden geschafft, die Gefühle und Gedanken des Menschen so zu entstellen. Das System sagt uns: „Alles was außerhalb deines eigenen Lebens passiert, ist nicht wichtig“. Und somit wird die gesellschaftliche Verantwortung verleugnet. Kurz gesagt: Der Egoismus wurde uns zur obersten Verantwortung gemacht.
Was verstehen besonders wir kurdischen Jugendlichen unter Verantwortung?
Wenn wir gegen diese kapitalistische Auffassung von Verantwortung eine Alternative stellen wollen, ist es die gesellschaftliche Verantwortung, die man als Mensch hat. Und diese gesellschaftliche Verantwortung können wir aus unserer Sicht analysieren. Damit kommen wir auch wieder zurück zu unserem Thema, das ich am Anfang erwähnte: Was verstehen besonders wir kurdischen Jugendlichen unter Verantwortung? Sind wir uns unserer Verantwortung bewusst? Oder was ist der Grund dafür, dass wir unsere Verantwortung nicht richtig erfüllen? Das sind Fragen, die beantwortet werden müssen.
Seit 41 Jahren führt die kurdische Freiheitsbewegung einen großen Kampf für ein freies Leben. In diesen 41 Jahren haben wir, das kurdische Volk, viel erlebt. Natürlich kann man die Geschichte des kurdischen Volkes nicht auf diese 41 Jahren begrenzen. Jedoch wurde durch die kurdische Freiheitsbewegung eine Geschichte wieder lebendig gemacht. Deswegen ist es wichtig, diese 41 Jahre anders zu betrachten. In den 41 Jahren setzten die Feinde alles daran, den kurdischen Freiheitskampf niederzuschlagen. Der faschistische türkische Staat versuchte immer wieder, die Bindung des kurdischen Volkes zur kurdischen Freiheitsbewegung zu unterbinden. Es wurden unzählige Methoden angewandt, um die Kurden zu assimilieren und ihnen die türkische Identität aufzudrücken. Sie wollten, dass die KurdInnen ihre Identität verleugnen, ihre Kultur nicht ausleben, ihre Sprache nicht sprechen und ihre Geschichte vergessen. Die PKK war und ist gegen diese Assimilierungsstrategie eine Antwort. Sie hat all diese Vernichtungsversuche ins Leere laufen lassen und damit dem kurdischen Volk die Verantwortung ihrer Identität aufgezeigt. Und diese große Antwort, die man auch als Rache bezeichnen kann, wurde durch Rêber APO geschaffen. Rêber APO sah sich verantwortlich, gegen all diesen Angriffen was zu machen. Durch diesen heroischen Kampf, der sich bis heute zieht, kennen alle das kurdische Volk, die kurdische Freiheitsbewegung und die HeldInnen von Rojava. Die KurdInnen sind damit auch nicht mehr die alten, sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst und kämpfen für das Ziel eines freien Lebens.
Sie sind gefallen, um etwas am Leben zu erhalten
In diesen 41 Jahren wurden Massaker gegen das kurdische Volk verrichtet. Es wurde jede erdenkliche Methode durchgeführt, um die Suche nach einem freien Leben zu brechen. Wir wissen alle, was im Diyarbakir Gefängnis geschah. Wir wissen alle, was das kurdische Volk 1992 in Cizîr und Nisêbîn an Newroz erlebt hat. Uns ist allen bewusst, welche dreckigen Methoden der faschistische türkische Staat genutzt hat, um den Widerstand des kurdischen Volkes dem Erdboden gleich zu machen. Uns ist bewusst, was in Sur, Cizîr und Nisêbîn unternommen wurde, um den Widerstand der kurdischen Jugendlichen zu brechen. Und natürlich wissen wir, wie viele Şehîds wir in diesen 41 Jahren gegeben haben. Sie sind gefallen, um etwas am Leben zu erhalten- unsere Werte. Und deswegen leben sie auch in unserem Kampf weiter. Wir können und werden sie nicht vergessen!
Doch all die Versuche, diesen Kampf zu stoppen, sind vergeblich. Der Kampf der kurdischen Freiheitsbewegung wird stets größer und deshalb bringt die Verzweiflung des faschistisch türkischen Staates vermehrt Angriffe mit sich. Die Berge Kurdistans bombardieren sie, Wälder stecken sie in Brand, in Bakur werden Verhaftungswellen durchgeführt, in Rojava wird einmarschiert und massakriert, überall findet eine spezielle Kriegsführung statt. Damit wollen sie die Hoffnung der KurdInnen nehmen und sie zu den „alten KurdInnen“ machen. Doch auch nach 41 Jahren werden sie die KurdInnen nicht vernichten können. Nach 41 Jahren, geprägt von so vielen Geschehnissen, nach so vielen Şehîds, wird dieser Freiheitskampf sein Ziel erreichen.
Auf diesem Weg haben wir aber alle bestimmte Verantwortungen. Wir können nicht wegschauen. Es ist nicht die Zeit dafür, um passiv zu bleiben, während wir mit einem großen Angriff konfrontiert sind. Diesen Schmerz der Heimat müssen wir in jeder Faser unseres Körpers fühlen.
Wie auch Şehîd Mazlum Doğan sagte: „Kapitulation führt zum Verrat, Widerstand zum Sieg“. Es ist die Zeit einen großen Widerstand zu leisten. Nur wenn wir Widerstand leisten, können wir uns befreien. Wir haben Werte und Normen die wir beschützen müssen. Wir haben Erinnerungen, die wir nicht vergessen dürfen. Aber dafür müssen wir alle uns unserer Verantwortung bewusst werden.
Eine Verantwortung verbunden mit großer Aufopferung
Wir müssen unsere Gefühle zulassen. Das kapitalistische System hat unsere Gefühle manipuliert. Wenn unsere Gefühle uns nicht dazu bringen, aufzustehen und Widerstand zu leisten, obwohl das kurdische Volk und die kurdische Freiheitsbewegung mit großen Angriffen konfrontiert ist, dann gibt es bei diesen Gefühlen Widersprüche. Wie ich am Anfang bereits erwähnte: Das kapitalistische System erlegt uns Grenzen auf und versucht uns daran zu hindern, diese zu überwinden. Unser Gehirn wurde so programmiert. Und deswegen fällt es uns auch manchmal ganz leicht, nicht zu Demonstrationen, Gedenkveranstaltungen und anderen Aktivitäten zu gehen. Deswegen gibt es auf die Frage „Kommst du zur Demonstration am Samstag?“ oder „Kommst du zur Gedenkveranstaltung am Sonntag?” meistens die Antwort „Ich kann nicht, habe keine Zeit.“ Weil wir manchmal nur an unsere eigenen Grenzen der Verantwortung denken. Es gibt ein Problem mit unseren Gefühlen: Wir sehen alles, wir hören alles, wir wissen von all den schlimmen Dingen, die passieren, aber wir unternehmen nichts. Wenn wir wirklich fühlen würden, dann wäre uns bewusst, was wir unternehmen müssen und was unsere Verantwortung ist. Wir dürfen es nicht vergessen. Wir dürfen bei all dem was wir leben unsere Heimat, unsere Şehîds und Rêber APO nicht vergessen. Wir dürfen nicht vergessen was grade in Kurdistan passiert. Und unter welchen Bedingungen unsere FreundInnen auf den Bergen kämpfen. Wir dürfen nicht vergessen, wie viele Şehîds wir in diesem Freiheitskampf gegeben haben. Wir dürfen nicht vergessen, unter welchen Bedingungen Rêber APO seinen Widerstand für die Befreiung des kurdischen Volkes weiterführt. Jeden Tag müssen wir uns daran erinnern. Und wir müssen die Gefühle zulassen, die all dieses Wissen über unsere Heimat und Vergangenheit, unsere Şehîds und Rêber APOs Situation in uns auslösen. Wenn wir an unsere Heimat denken, müssen wir fühlen und begreifen, in welchem Zustand das kurdische Volk lebt. Wir müssen fühlen, welchen heldenhaften Kampf unsere FreundInnen auf den Bergen führen.
Denn sie kämpfen für uns. Sie fallen für uns. Sie werden verletzt, weil sie unsere Werte beschützen. Sie frieren im Winter für uns, um uns ein freies Leben zu erkämpfen. Sie hungern für uns, weil sie sich verantwortlich fühlen, für die Menschlichkeit zu kämpfen und die Fahne der Şehîds zum Sieg zu bringen. Eine Verantwortung, verbunden mit großer Aufopferung. Und hier spricht man von einer revolutionären Verantwortung. Dieser müssen auch wir gerecht werden. Wenn wir über Şehîds reden, müssen wir Gänsehaut kriegen. Wir müssen die Verantwortung fühlen, Widerstand zu leisten, um ihrer Rache zu nehmen. Und das Wichtigste ist: Wir müssen fühlen, was Rêber APO auf Imrali für einen großen Widerstand leistet. Er leistet in einer kleinen Zelle den größten Widerstand der Welt. Seit 21 Jahren befindet er sich nun auf Imrali. Nicht einen Atemzug hat er für sich verschwendet. Er hätte sich auch für ein Leben im kapitalistischen System entscheiden können, doch er fühlte die Verantwortung zu kämpfen. Nur durch Rêber APO können wir heute noch sagen, dass wir KurdInnen sind. Alles was wir heute haben, wurde durch seinen Widerstand erkämpft. Das muss uns bewusst werden.
Unsere gesellschaftliche und revolutionäre Verantwortung
Wir wissen all diese Dinge, aber wir fühlen nicht tiefgründig. Wenn wir aufrichtig fühlen würden, dann würden wir uns auch unserer Verantwortung bewusst werden. Es ist die Zeit, die Gefühle zu stärken. Sehen, hören und Mitleid haben, reicht nicht aus. Wir müssen so starke Gefühle aufbauen, dass wir unsere Verantwortung erkennen. Rêber APO sagt „Verstehen ist Machen“. Wir müssen fühlen, mit diesen Gefühlen verstehen und durch diese Gefühle Widerstand leisten. Das ist die einzige Formel. Das ist unsere gesellschaftliche und revolutionäre Verantwortung. Wir haben zu Beginn von Zielen geredet. Unser Ziel sollte es sein, die Isolation zu brechen, den Faschismus zu zerschlagen und Kurdistan zu befreien. Unser Ziel sollte es sein, entgegen der liberalen Haltung in uns, eine militante Persönlichkeit aufzubauen. Wenn wir uns alle diese Ziele setzen würden, dann würden wir auch unsere Verantwortung dementsprechend gerecht werden. Es ist die Zeit, Widerstand zu leisten, aufzustehen und das Bewusstsein mit Gefühlen zu verbinden. Ein freies Leben wartet auf uns!