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Unter dem Sternenhimmel und dem Aufleuchten der Sonne

by rcadmin

ÇEKDAR JIYAN

Im Kindesalter werden den meisten Kinder zum Einschlafen Märchen erzählt. Bei mir war das jedoch ein wenig anders. Mein Vater wuchs selbst nicht mit Märchen auf und wusste daher auch keine zu erzählen. Doch er wusste sehr gut seine Kindheitserlebnisse zu erzählen. Anstatt Märchen erzählte er mir von der Natur, den Tieren, seiner Familie und anderen Ereignissen, die seine Kindheit prägten. Er erzählte mir von Tierzucht, von Feldarbeit, von harten Naturumständen, von den Repressionen seiner Lehrern, dem Auswandern seiner Familie, sowie auch den Umständen in Europa. Das alles und noch mehr waren meine Märchen.

Ab meinem 7. Lebensjahr reisten wir jedes Jahr in die Heimat nach Dersim. Je älter ich wurde und damit mehr meine Umgebung realisieren konnte, desto mehr nahm meine Liebe zur Heimat zu. Je mehr Zeit ich in unserem Dorf verbrachte, desto mehr nahmen die Erzählungen meines Vaters Gestalt an. Die Stelle wo er und seine Geschwister geboren sind, wo sie wohnten, wohin sie die Herde führten, wo sie als Kind spielten. Ich fing an das Leben zu fühlen. Ich fing an zu verstehen, dass ich lediglich hier glücklich bin, dass ich nur hier wahrhaft frei atmen kann. Ich lebte die Heimat. Wir erwachten mit der Sonne und schliefen nach dem wir den zum Greifen nahen Mond im Sternenhimmel bewunderten. Jeden Morgen erwachten wir sehr früh und brachten mit meinen Cousins die Kälber auf die Weide. Während dessen erkundeten wir spielend die ganze Umgebung. An manchen Tagen entfernten wir uns Kilometer weit vom Dorf und auf jedem Berg, mit jeder Landschaft, mit jedem Eindruck, fand ich mich selbst in der Natur wieder. Jeden Morgen erwachte ich voller Aufregung mit der Frage, wie mein heutiger Tag wohl verlaufen wird? Nachts schauten wir uns die atemberaubend leuchtende Sternendecke an. Und manchmal sah ich währenddessen auf den Bergen Blitze schlagen. Auch diese bewunderte ich, denn ich dachte es wären naturbedingte Blitze.

Tausende Fragen im Kopf

Je älter ich wurde, desto mehr erschienen viele Dinge für mich fragwürdig. Ich verstand zum Beispiel nicht, warum ständig Soldaten zu uns nach Hause kamen und uns kontrollierten. Warum meine Eltern und Großeltern so beängstigt waren. Warum wir aufgefordert wurden, nicht zu reden, wenn wir an den Militärstützpunkten vorbeifuhren. Wieso jeden Tag Militärflugzeuge über uns flogen. Wieso es ständig so viele Waldbrände gab. Und überhaupt, warum gab es so viele Soldaten? In Europa ist das alles doch auch nicht so. Wieso dann bei uns in der Heimat? Zu viele Fragen und ungenügend Antworten. Die Älteren sprachen untereinander „Vorgestern haben sie wieder den Wald angesteckt.“, „Sie haben die Herde von Apê Xidir bombardiert, viele seiner Kühe sind gestorben.“, „Es wird gesagt, dass sie Raupen in die Wälder gelassen haben“. Unter einander sprachen sie Kirmançkî und mit uns sprachen sie nur Türkisch. Sie wollten uns unsere Sprache, unsere Realität nicht zu verstehen geben. Doch mit der Zeit verstand ich, die Blitze, die ich sah, waren gar keine Blitze, sondern Lichtstrahlen von Gefechten.

Mit 15 Jahren wollte ich mehr wissen. Wieso? Wieso haben sie es auf uns abgesehen? Was wollen sie von uns? Was haben wir denn getan? Mein Vater gab keine Antworten preis. Das Einzige, was ich wusste war, ich bin aus Dersim und Alevitin. Also recherchierte ich im Internet. Ich schrieb „Dersim“ und stoß auf „Dersim 38“. Ich sah eine Dokumentation über den Dersim Genozid von 1938. Ich war erschüttert und außer mir. Drei Tage lang konnte ich nicht mehr klar denken, mein Herz schlug schwer, „Wie konnte sowas sein? Wieso hat mir niemand das alles erzählt?“. Ich wollte mehr wissen. „Warum?“. Je mehr ich hinterher grub, desto fündiger wurde ich. Unzählige Aufstände, Rebellionen und Massaker. Die Antwort war „Kurdistan“. Es ging ums Kurdischsein. Nun verstand ich auch, dass ich nicht nur aus Dersim bin, nein, ich bin aus Kurdistan. Und ich suchte nach mehr, „Was muss ich nun tun?“. Und ich fand hunderte von himmlisch leuchtenden Augen. HüterInnen der Hoffnung und FreiheitskämpferInnen der Menschheit. Sie alle kämpfen für ein Ziel, um die Rache von hunderten Jahren und tausenden von Menschen, die auf dieser Erde ihr Blut vergossen haben. Sie kämpften für die Freiheit und Gerechtigkeit.

Mein Herz, welches bis zu jenem Zeitpunkt schmerzhaft nach einer Lösung suchte, wurde fündig. Ich wollte auch unter dem Sternenhimmel Ursache dieser Blitze sein. Ich wollte so wunderschön wie sie sein. Ich wollte Rache, ich wollte die Feinde Kurdistans zerschlagen. Die Frage war nur „Wie?“.

All meine Suche verlief über das Internet, daher hatte ich nichts Greifbares in der Hand, was mich Richtung Freiheit führen könnte. Ich las Nachrichten bei ANF über die aktuelle Situation und wollte auch etwas machen. Ich eröffnete eine Jugendseite auf Facebook, übersetzte die Nachrichten von Türkisch auf Deutsch. Dadurch lernte ich kurdische Jugendliche, die auf Demonstrationen aktiv waren, kennen und wurde selber aktiver. Ich nahm Platz in den Arbeiten ein. Es war sehr spannend und erfüllte mich. Ich fühlte mich freier werden. Doch trotz allem fehlte stets irgendetwas. Ich wollte den FreundInnen auf den Bergen nah sein, eine Stimme werden. Ich glaubte, ich könnte mit den Arbeiten in Europa viel erreichen. Ich sah alles so träumerisch.

Die erste Freundin, die Mitglied der Partei war und die ich persönlich kennengelernt habe, war Heval Ronahî. Sie war mein Vorbild. Sie war so, wie ich mir vorstellte, wie eine Frau sein musste. Selbstbewusst, schlau, wortstark, sehr fleißig und wunderschön. Was sie so ausdrucksstark und anziehend machte, war ihre Art und Weise.

Krieg nur in Kurdistan?

Mein Blick war stets in Richtung Kurdistan gerichtet. Jeden Tag verfolgte ich die Guerilla-Aktionen in Kurdistan und die Attacken der türkischen Armee auf unsere FreundInnen und dem kurdischen Volk. Ich dachte begrenzt. Ich dachte, der Krieg verlief lediglich auf den Bergen Kurdistans ab. Es dauerte nicht lange, bis ich erschütternd herausfand, dass nichts so war, wie ich dachte zu wissen. Der Krieg war schon längst vor der Tür. Es war Donnerstag, der 10. Januar 2013. Früh morgens um ca. 05:50Uhr klingelte mein Handy, ich nahm nicht ab, mit dem Gedanken, dass es der Schulwecker wäre. Als es kurz darauf wieder klingelte, merkte ich, dass es ein Anruf ist. Ich nahm ab, es war eine Jugendliche. Sie sprach, doch ich verstand nichts. Eher gesagt wollte ich nicht verstehen. Sie fragte, ob ich die Nachrichten gesehen habe, ich verneinte natürlich. Daraufhin sagte sie: „Hast du nicht gesehen, in Paris sind drei Freundinnen erschossen worden. Es war ein Mordanschlag. Sie sagen, dass Heval Sara und Ronahî betroffen sind.” Ich sagte nur „Nein”. Ich legte auf. Ich war am Sitzen, doch mir wurde schwindelig. Ich dachte mir nur „Nein, das kann nicht sein. Mitten in Europa, mitten in Paris kann sich doch niemand trauen drei Freundinnen zu erschießen”. Ich wollte nicht glauben, doch als ich mich mit der Realität konfrontierte, dass sie wirklich mitten in Paris hinterhältig von Türkischen MIT Agenten erschossen worden sind, änderte sich alles für mich. Es war für mich unglaublich, dass so etwas mitten in Europa passieren konnte, doch es war wahr. Einige meiner Freundinnen schworen Rache und gingen dem Weg Şehîd Ronahîs nach. Und ich blieb. Blieb alleine, immer mit den Gedanken an sie. Monat für Monat schlossen sich immer mehr FreundInnen an. Mitten in Europa fühlte ich mich plötzlich ganz alleine, ganz im Dunkeln. Egal was ich machte, es war nicht ausreichend genug, ich fand mich immer am falschen Platz. Es war ätzend. Ich war kurz davor zu verirren und an jenem Moment war ich an jenem Punkt, wo sich mein Weg letztendlich spaltete. Es waren zwei Möglichkeiten offen, entweder ich blieb und beschloss meinen Geist, meine Moral zu töten, oder ich ging den entscheidenden Schritt in Richtung Freiheit, um wirklich zu leben. Ich sah Şehîd Ronahî vor mir, die mir stets Mut gab und ich sah Rêber APO, der mir all meine Lebenshoffnung gab und beschloss „Ich möchte in Freiheit leben und leben lassen!“.

BE SEROK JİYAN NA BE!

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