Sei es die Frage nach der Emanzipation der kurdischen Frauen, sei es der individuelle Erfolg einer Kurdin oder eines Kurden. Es führt kein Weg vorbei an der politischen Partizipation. Denn nur wer etwas tut kann auch etwas verändern. Dieser Text stammt aus der April Ausgabe 2018 der Zeitschrift STÊRKA CİWAN.
ŞERVAN GURGUM
Mehrere Jahrzehnte sind nun schon vergangen, seit es die Kurdinnen und Kurden in breiten Massen nach Europa verschlagen hat. Wie sehen die Probleme heute aus? Was wären die Lösungsansätze dafür? Mittlerweile lässt sich einiges über das Leben der Kurdinnen und Kurden in Europa festhalten. Es gibt sowohl Gutes als auch Schlechtes. Das Gute ist, dass es eine Vielzahl von erfolgreichen Kurdinnen und Kurden gibt. Jedoch beruht dieser Erfolg sehr stark auf Zufällen und kann häufig nicht gesellschaftlich gewinnbringend eingebracht werden. Die meisten dieser erfolgreichen Kurdinnen und Kurden werden zustimmen, wenn man sagt, dass ihr Erfolg sehr viele Opfer gekostet hat, sie sehr einsam ihren Weg
gegangen sind und sie nur wenig, bis gar keine Unterstützung von ihrem Umfeld erhalten haben. Sie mussten und müssen sogar mehr einstecken als ihre europäischen Freunde. Es entsteht bei vielen das Gefühl, es wäre eine Last eine Kurdin, oder ein Kurde zu sein. Deswegen scheuen sich die kurdischen Jugendlichen davor aktiv an der kurdischen Gesellschaft teilzunehmen. All dies ist ganz einfach mit der Realität der kurdischen Gesellschaft in Europa zu begründen. Wie hoch ist z.B. der Bildungsstand der Eltern? Dass man größtenteils aus einer Bauern- und Arbeitergesellschaft entstammt, sollte allen bewusst sein. Genau an diesem Punkt liegen viele der Antworten auf die Probleme der Kurdinnen und Kurden in Europa begraben. Die Eltern der Jugendlichen sind meistens in ihrem kulturellen Umfeld festgefahren und können nur sehr schwer aus diesem raus. Neben dem Generationenkonflikt, der auch in der ortsansässigen Gesellschaft für Probleme sorgt, kommt noch dieser Punkt hinzu. Sei es die Frage nach der Emanzipation der kurdischen Frauen, sei es der individuelle Erfolg einer Kurdin oder eines Kurden. Es führt kein Weg vorbei an der politischen Partizipation. Denn nur wer etwas tut kann auch etwas verändern.
Die Jugend und die Frauen müssen den kurdischen Befreiungskampf anführen. Nur so lässt sich der strukturelle Wandel von einer bäuerlich-archaischen Gesellschaft, hin zu einem freiheitsliebenden Kollektiv vollziehen. Wehrt sich eine Kurdin z.B. gegen die von Männern dominierte Gesellschaft, droht ihr der Ausschluss von dieser. Dass der Jugend die Zukunft gehört, ist selbstverständlich. Hier muss die Jugend gezielt gefördert und unterstützt werden, damit man sich immer weiter und immer besser entwickelt. Gerade deshalb betonen wir, dass die Jugend und die Frauen wichtige Vorreiterrollen sind. Sie sind die Säulen der Revolution. Die PKK hat bewiesen: In ihr können diese zweitragenden Säulen der Menschheit wachsen. Ob mit den Massen an Jugendlichen, oder Anführerinnen und Anführern, oder mit der eigenen Ideologie: Innerhalb des kurdischen Befreiungskampfes ist es möglich und sogar unverzichtbar, dass diese beiden Säulen aktiv am politischen Geschehen teilnehmen. Aber genau an diesem Punkt stellt sich die Frage nach dem wie. Dass nicht Jeder und Jede am bewaffneten Kampf teilnehmen kann, liegt in der Natur der Sache. Hierfür braucht es eine ideologisch starke Persönlichkeit. In Europa ist es besonders schwierig, da die meisten Kurdinnen und Kurden zwischen ihrer Verantwortung als Individuum für die Revolution in Kurdistan und ihrem eigenen Leben, ihrer eigenen Karriere, Familie und ihrem eigenen Freundeskreis in einem skrupellosen System zerfleischt werden. Es verlangt einen sehr hohen Preis sich politisch für die kurdische Frage zu engagieren. Als Kurdin und Kurde wird man schnell kriminalisiert, wenn man sich für den gerechtfertigten Kampf in Kurdistan einsetzt. Man wird systematisch von den Feinden verfolgt, zudem hegen die europäischen Staaten zwielichtige Beziehungen zu den Feinden der Kurdinnen und Kurden, z.B. dem türkischen Staat. Dies äußerte sich gerade in den letzten Tagen sehr deutlich, wie man an der Verhaftung von Salih Müslim, dem ehemaligen Co-Vorsitzenden der PYD, in Tschechien sehen konnte. In beinahe jedem Staat der EU nimmt die Repression groteske Züge an. So wurden in Deutschland die Fahnen der YPG an öffentlichen Demonstrationen verboten. Nun, die vorherige Frage bezüglich des „Wie“ ist relativ einfach zu beantworten: Es braucht ein ausgeklügeltes System, in dem Jede und Jeder seinen Beitrag zur Revolution leisten kann. Es braucht ein Netzwerk, dessen Mechanismen funktionieren. Vor allem sind Vorreiter nötig, die ehrlich zu sich selbst sind und genau wissen was sie können und was sie nicht können. Nur so kann man dauerhaft eine erfolgreiche politische Partizipation in Europa garantieren. Dadurch minimiert man auch einen der wichtigsten Akteure des menschlichen Lebens: Den Zufall. Beherrscht dieser das Leben, so ist kein Erfolg planbar, keine Handlung erklärbar.
Wie alle aus eigener Erfahrung wissen, kann Vergangenheitsbewältigung sehr anstrengend und bisweilen auch belastend werden. Wie im Individuellen, muss auch im Kollektiven die Geschichte gnadenlos analysiert werden. Die zwei Kernfragen die gestellt werden müssen, sind: Was ist tatsächlich passiert und wie bewerte ich es individuell, oder wie bewerten wir es kollektiv? Hier muss gesagt werden, dass eine falsche Bewertung im Kollektiv zu einer Katastrophe wie dem NS-Regime und ihrer Gräueltaten führen kann. Oder wie man es aktuell im faschistischen türkischen Regime sieht. Man strebt nach dem Glanz der vergangenen Tage und suhlt sich in einem tragikomischen Neo-Osmanismus, weil man Minderwertigkeitskomplexe mit der Geschichte kaschieren will. Im aktuell noch existierenden Parlament der Türkei finden sich von bekennenden Rassisten der grauen Wölfe, bis hin zu Revisionisten, die die ehemalige Größe des osmanischen Reiches vermissen, jegliche komischen Gestalten. Eine friedliche Lösung scheint nicht möglich zu sein. Die Schuld für das heutige Elend sehen die breiten Massen in der Türkei den Zerfall des Osmanischen Reiches. Man möchte der ehemaligen imperialen Größe gerecht werden und strebt eine Expansion an. Diese Expansion wird auf Kosten des Lebens Millionen von Kurdinnen und Kurden betrieben. Zu welchen Schandtaten diese Leute bereit sind können wir tagtäglich mit ansehen. Gerade deswegen muss man einiges aus der Geschichte vergessen, Einiges muss man verarbeiten, an Einigem kann man anknüpfen und so Manches muss noch erst begonnen werden. Wie der Weise anmerkt: „Wenn die Gesellschaft sich nicht mehr entwickelt, die Institutionen, die sie geschaffen hat, nicht mehr arbeitet, so ist diese in einer Spirale der Unterdrückung und Ausbeutung gefangen.“
Wir alle müssen aktiv an unserer Gesellschaft teilnehmen und die politischen Entscheidungen mitbestimmen und mittragen. Viele unserer Probleme rühren direkt, oder auf Umwegen, aus unserer Geschichte. Grundsätzlich stellt sich hier die Frage, ob man mündig genug ist und in der Gesellschaft seinen Platz einnimmt, oder ob man sich treiben lässt und gar nichts hinterfragt und vor fertige Tatsachen gestellt wird. Gerade die Entwicklung der kapitalistischen Moderne zeigt besorgniserregende Tendenzen, wie es an den Beispielen der Konflikte im Nahen Osten, der Ukraine, Afghanistan, der unmenschlichen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen seitens kapitalistischer Firmen überall auf der Welt, der Automatisation der Wirtschaft, oder auch dem neu aufkommenden rechten Populismus inmitten Europas deutlich wird. Es müssen alternative Gesellschaftsmodelle entstehen. Wir alle stehen in der Verantwortung. Dem kurdischen Freiheitskampf, der kurdischen Gesellschaft, dem Leben und uns selber gegenüber. Man kann damit beginnen seine eigenen Ideen zu entwickeln, sie miteinander auszutauschen und die Ergebnisse festzuhalten. Dieses Festhalten von Ergebnissen wird dazu führen, dass wir wissen woran wir zu arbeiten haben. Tun wir nichts, wird sich nichts verändern. Dann werden wie viele anderen Völker in Europa auf schreckliche Art und Weise assimiliert und unsere Wurzeln werden verloren gehen. Andernfalls, daran glaube ich, werden wir siegen.
