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Warum autonome Arbeiten?

by rcadmin

NÛCAN MELETÎ

Wenn wir ein wenig durch die Geschichte der kurdischen Freiheitsbewegung stöbern, wird deutlich, dass die Bewegung schon in der Gründung die Wichtigkeit der Organisierung von Frauen diskutiert hat. Was damals in der Theorie noch ungereift war, ist heute ein Manifest des Freiheitsstrebens und gibt Frauen aus aller Welt eine Hoffnung und Kraft. Doch die autonome Organisierung und ihre Wichtigkeit wird oft missverstanden, ignoriert oder sogar durch patriarchales Verhalten angegriffen. Obwohl die gesellschaftliche Freiheit nur durch ein gesundes Verhältnis von Frauen und Männern geschaffen werden kann, verweigern viele Männer dies zu akzeptieren oder zu verstehen.

Wozu überhaupt?

Um gemeinsam zu verstehen, welche Wichtigkeit die Organisierung der Frauenstrukturen innerhalb unseres Systems haben, müssen wir die Gründe für die autonome Organisierung von Frauen näher betrachten und in die Geschichte reisen. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaftsordnung. Das bedeutet Männer, und vor allem weiße Männer, schreiben uns vor, wie wir zu leben haben. Frauen werden als Objekt an den Rand der Gesellschaft gedrängt oder dienen nur der Belustigung des Mannes. Diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern hat nicht nur tausende Jahre für Unterdrückung und Sklaverei gesorgt, auch der Widerstand von Frauen und Männern die gegen diese Weltordnung waren, wurde immer wieder brutal niedergeschlagen. Hierbei ist wichtig zu unterstreichen, dass der klassische Mann wie wir ihn kennen auch nicht natürlich ist und beide sich nur aus der Sklaverei befreien können, wenn die Unterdrückung der Frau aus der gesellschaftlichen Realität bekämpft wird. Nur auf diese Weise, können auch Kapitalismus und Nationalstaat bekämpft werden. Nur auf diese Weise kann ein Leben in Freiheit und Vielfalt für alle Menschen möglich werden. Denn Nationalismus als auch Kapitalismus sind durch die erweiterten Machtbestrebungen des Patriarchats erst entstanden.

Frauenstrukturen erkämpfen

Wenn wir nur einen kleinen Blick in die Geschichte unserer Zeit werfen, können wir schon sehen, dass es immer Männer waren, die Kriege im Namen der Demokratie und der Wissenschaft oder im Namen der Überlegenheit geführt haben. Wenn wir hier über Männer und Patriarchat reden, dann reden wir über eine Mentalität, die sich in den letzten tausend Jahren über die analytische Intelligenz auf die ganzen Welt ausgebreitet hat. Diese Mentalität verbreitet sich am stärksten über die Herrschaft von Männern und unterdrückt am stärksten Frauen. Diese Mentalität prägt und sozialisiert Menschen und wir wachsen mit Rollenbilder auf, aus denen wir nicht so einfach ausbrechen können. Heute wissen wir, dass das Patriarchat das Wissen und die Geschichte der Frauen auslöschte, um sie zu schwächen und seine Herrschaft zu legitimieren. Ohne Identität und Geschichte ist es schwieriger die Sklaverei zu dechiffrieren, zu erkennen und zu bekämpfen. Aus diesem Grund ist die einzige Lösung aus diesem Herrschaftssystem und dieser Barbarei zu entkommen, Frauenstrukturen zu erkämpfen. Kämpfen bedeutet autonome Organisierung, als Schutzmechanismus und als Ort für Empowering und Wiederherstellung/findung der eigenen Geschlechteridentität, ins Leben zu rufen.

Revolution der Gefühle

Sich autonom zu organisieren bedeutet, dass die Entscheidungen, Beschlüsse, Diskussionen und alle Aktivitäten der Frauen unabhängig und ohne den Einfluss der Männer passiert. Nur so ist es möglich freie Entscheidungsfindungen und Entwicklungen zu gewährleisten. Es reicht nicht aus, dass zwei Individuen beider Geschlechter diese Unterdrückung falsch finden und sich verändern wollen. Die kollektive und gesellschaftliche Organisierung der Frauen kann erst zur gesellschaftlichen Revolution und zu einem Umdenken führen. Deshalb müssen in allen gesellschaftlichen Organisierungen, Institutionen und Gruppen autonome Frauenstrukturen aufgebaut werden.
Viele Männer denken, dass sie die Revolution der Frauen bestimmen müssen/können und sogar vieles besser wissen als die Frauen selbst, und neigen ständig dazu Perspektiven zu geben und in Polemiken zu verfallen. Dieses Verhalten ist eine weitere Ausgeburt der Machtbestrebungen des Mannes und des einfachen Gedankens der Überlegenheit. Können Frauen nicht denken? Sind wir Frauen nicht in der Lage Revolution zu betreiben? Ist eine Revolution durch angebliches theoretisches know-how zu meistern? Gehört da nicht ein Gefühl von Zugehörigkeit? Identität und Gefühle im allgemeinen dazu? Eine Revolution braucht Gefühle und die emotionale Intelligenz und Verbundenheit genauso wie die theoretische Grundlage. Um diese revolutionäre Basis zu errichten, müssen Frauen und Jugendliche, welche mit kollektiven- und gesellschaftlichen Realitäten und Emotionen stärker verbunden sind, sich organisieren. Das Zurückgewinnen der emotionalen Intelligenz, und eine Herstellung einer Balance zwischen emotionaler und analytischer Intelligenz ist die Grundessenz einer „neuen“, freien Gesellschaft. Frauen müssen ihre eigene Geschichte und ihr Wissen wieder erlangen und sich dessen bewusst werden. Sie müssen klassische Rollenbilder hinterfragen und sich selbst lieben lernen. Dies kann nur durch einen Prozess des Widerstands geschehen. Sie müssen die Einflüsse des Patriarchats überwinden oder beseitigen, und ihre Selbstverteidigungsstrukturen etablieren. Sie müssen sich nicht nur ideologisch verteidigen können, auch der Aufbau physischer Selbstverteidigungsmechanismen ist von großer Bedeutung.

Mit totaler Loslösung der Frau vom Mann selbstständig denken

Erst durch die totale Loslösung der Frau vom Mann, ist es möglich selbstständig zu denken. Anders würden beide Geschlechter durch den Zwang zu klassischen Rollenbildern die Unterdrückung ständig reproduzieren, weil die Beziehung beider Geschlechter durch falsche Sozialisierungen und Definitionen verdreht und falsch ist. Deshalb ist die Loslösung vom Mann physisch und psychisch ein wichtiger Schritt in Richtung Freiheit. Die autonome Organisierung der Frauen stellt die Avantgarde der gesellschaftlichen Revolution dar. Nur durch den Ausbruch aus den klassischen Rollenbildern und der sexistischen Gesellschaftsordnung, können wir eine bessere Welt erschaffen. Aus diesem Grund ist es unentbehrlich und von großer Bedeutung, als Frauen Frauenstrukturen aufzubauen, zu schützen, und als Männer diese zu verstehen und auch für sie zu kämpfen. Denn ohne die Freiheit der Frau kann keine freie Gesellschaft aufgebaut werden.

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