Was die Steinzeit mit der Debatte über Patriarchat, gesellschaftliche Hierarchien und Ökologie zu tun hat.
MAZLUM AMED
Die Interpretation von Geschichte, insbesondere der Anfänge menschlicher Geschichte, war schon immer ein Gegenstand heftigster ideologischer Konflikte. Seit Menschen ihre Vergangenheit zu erinnern, zu deuten und weiterzugeben versuchen – und das tun sie seit vielen tausenden von Jahren– dienen Erzählungen über die „Anfänge“ als Erklärungen für den Zustand der Dinge. Solche Erzählungen halfen und helfen Menschen, Anleitungen für ihr Handeln zu finden, ob diese nun von den politisch Mächtigen ausgegeben oder von den Unzufriedenen einander zugeflüstert werden. Dementsprechend wird das so angeleitete Handeln entweder dem Erhalt des bestehenden Systems dienen oder aber seiner Veränderung. Auch heute noch hat die Erforschung menschlicher Vergangenheit und das Sprechen über Geschichte vor allem diese Funktion. Trotz aller wissenschaftlichen Methodik der Geschichtsforschung, der Archäologie, der Anthropologie und Soziologie bleibt die Interpretation von Dokumenten oder Funden aus der Vergangenheit immer Gegenstand von Erzählungen und damit von ideologischen Konstrukten. Unter dem Einfluss der sogenannten postmodernen Philosophie und Sozialtheorie haben sich sogar einflussreiche Schulen herausgebildet, für die es keine Unterschiede an „Objektivität“ oder „Wahrhaftigkeit“ zwischen akribischen Bestandsaufnahmen archäologischer Grabungsfunde und freiem künstlerischen Umgang mit
Motiven aus Diskursen über Vergangenheit gibt, weil jede Darstellung immer nur eine Erzählung (narrative) ist. So vertritt zum Beispiel der Cambridge-Professor lan Hodder, der zurzeit die wichtige steinzeitliche Siedlung Çatal Höyük bei Konya ausgräbt, eine Annäherungsweise, nach der jegliche Deutung der Fundstelle gleichberechtigt gut oder schlecht ist. Die Vereinnahmung der anatolischen Steinzeit durch die in Konya nach wie vor sehr dominante MHP unter der „türkisch-islamischen Synthese“ oder die Vermarktung von Mustern aus neolithischer Wandmalerei durch Popstar Tarkan und drittklassige Modedesigner sind für Hodder ebenso interessant wie die Anbetung einer Muttergottheit durch eingereiste esoterische Hippie-Feministinnen oder eben die Grabungsskizze die eine Architekturstudentin mit Millimetermaß und feinster Bleistiftmine anfertigt. Wer mehr Geld und mehr Macht hat, setzt eben seine Deutungsvariante durch in diesem postmodernen Zirkus der hybriden Weltsichten. Wie in der Steinzeit, werdet ihr sagen…
…aber war es denn in der Steinzeit überhaupt so? Haben sich die Stärkeren durchgesetzt? War die Keule das beste Kommunikationsmittel? Haben grummelige Muskelmänner halbnackte Frauen an ihren Haaren in die Höhlen geschleift, wie es in den Karikaturen in fast jeder Illustrierten dargestellt wird?
Die Diskussion über die Gesellschaftsordnung im Neolithikum ist ein beliebtes Streitthema sowohl im wissenschaftlichen
als auch im politischen Diskurs. Für die feministische Bewegung. war die Suche nach einem Matriarchat in vorstaatlichen Gesellschaften ein wichtiger Punkt der Identitätsbildung; für den männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb war die Suche nach dem starken Jäger, der den aufrechten Gang zur Zivilisation antritt, ein unverzichtbares Unterfangen. Marxistlnnen wollten die „urkommunistische Gesellschaft“ erkennen, Neokonservative wollten zeigen, dass es schon immer einen Krieg „Alle gegen Alle“ gab. Auch in der kurdischen Bewegung hat sich mit Rêber APOs Buch „Gilgameschs Erben“ eine heftige Diskussion über die neolithische Gesellschaftsform entzündet: „Kann es denn sein, dass Frauen außerhalb dem Vater ihrer Kinder jemals freien Umgang mit anderen Männern hatten? Und das soll positiv sein???“ – – „Ja und seht ihr denn nicht, dass es seit der Durchsetzung der patriarchalen Familienform und der Erfindung des männlich dominierten Staatsapparates mit der menschlichen Geschichte nur noch bergab ging???“
Von Qendîl bis Istanbul, von Hamburg bis Mahabad entluden sich feurige Debatten über die Rolle von Frauen und Männern in der heutigen Gesellschaft, und über die Neugestaltung sozialer Beziehungen im politischen Kampf – angestoßen durch Rêber APOs Thematisierung der neolithischen Gesellschaftsform in Mesopotamien. Für Rêber APO sind die entscheidenden Aspekte, die das Neolithikum so wichtig machen, (1) die zentrale Stellung von Frauen in gesellschaftlichem Zusammenleben und Produktionsprozessen; (2) die Abwesenheit von sozialen Hierarchien, die sich in den Institutionen des Staates organisieren, und (3) dass fast sämtliche grundlegenden Errungenschaften menschlicher Kultur in dieser Gesellschaft durch eine Form des Zusammenlebens geschaffen wurden, die zumeist als „vorgeschichtlich” oder „unzivilisiert“ eingestuft wird. Im größeren der Menschheit überhaupt tritt der Aspekt in den Vordergrund, dass diese bedeutende Phase eines ihrer frühesten Zentren überhaupt im nördlichen Mesopotamien, in den Ausläufern der Taurus-Zagros Gebirgsketten hatten. Und das Jahrtausende bevor in Europa erste Anzeichen des sesshaften Lebens auftauchten.
Geht es also um eine Rückkehr zu dieser Gesellschaftsform, und wenn ja in welchem Sinne? Soll die kurdische Freiheitsbewegung nun ausgerechnet das Neolithikum diskutieren, um ihre politischen Perspektiven von Neuem zu erarbeiten? Tatsächlich ist die Vorstellung, Menschen müssten „zurück“ zu dem, was sie einmal verloren haben (das Paradies, das goldene Zeitalter etc.), selbst ein historisches Produkt menschlicher Konflikte, das wohl so alt ist wie die Klassengesellschaft selbst. Schon in sumerischen Keilschrifttexten finden sich Klagen über Ausbeutung und Unterjochung, gepaart mit der Sehnsucht nach den vergangenen Zeiten, in denen alle Menschen gleich waren. Auch der Mythos vom verlorenen Paradies lässt sich im Zusammenhang mit der kollektiven Erinnerung an die Zeit vor der Tyrannei der Herrschenden lesen – wobei Erinnern natürlich auch immer Erfinden bedeutet, wie jede und jeder von uns weiß, die/der einmal ernsthaft Tagebuch oder autobiographische Kurzgeschichten geschrieben hat. Natürlich kann es bei diesem kreativen Erinnern heute nicht darum gehen, dass jemand „die Zukunft darauf einschränkt, einen idealisierten Begriff der Vorgeschichte zu verwirklichen“ und damit ein „nostalgisches, engstirniges Ideal“ von „ursprünglicher oder echter Weiblichkeit“ aufzudrängen (J. Butler: Das Unbehagen der Geschlechter 1991, S. 64–65). Die feministische Historikerin Gerda Lerner warnt – aus einer ganz anderen theoretischen Position heraus – ebenso: „Das Erschaffen von kompensatorischen Mythen der fernen Vergangenheit der Frauen wird nicht zur Emanzipation der Frauen in Gegenwart und Zukunft beitragen. Die patriarchale Art des Denkens bestimmt die Tätigkeit unseres Verstandes so sehr, […] dass wir uns als einziges alternatives Model nur das der Umkehrung der Verhältnisse vorstellen können: Wenn es nicht Patriarchat gewesen ist, dann muss es Matriarchat gewesen sein.“ (G. Lerner: Die Entstehung des Patriarchats 1991, S. 58–59) Allerdings wäre es ebenso voreilig wie sachlich falsch, die kurdische Debatte um das mesopotamische Neolithikum mit der Matriarchatsdebatte westlicher Feministinnen zu vergleichen. Unübersehbar ist, wie die Diskussion über Rêber APOs Buch der Frauenbewegung innerhalb und außerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung geholfen hat, sich politisch und organisatorisch zu entwickeln. Und sie wächst natürlich nicht, indem sie die bestehenden Strukturen kopiert oder zu erobern versucht, sondern indem sie ein alternatives Model entwickelt, welches Hierarchien und individuelles Machtstreben bekämpft, welches den Kampf gegen Männerherrschaft zu einem Kampf für gesellschaftliche Befreiung macht. Diese konkrete Entwicklung gibt natürlich Mut sich auf das Nachdenken über Alternativen zur patriarchalen, staatszentrierten Klassengesellschaft einzulassen, ohne eben in die Fallen zu stürzen, vor denen z. B. Butler und Lerner warnen. Und genau darum geht dem die Debatte über das Neolithikum aufgekommen ist: Aus seiner Selbstkritik
heraus, die PKK habe zu sehr auf ein Erringen der Staatsmacht durch Gewalt gezielt, entwickelt er die Vorstellung von demokratischer Politik und befreiendem gesellschaftlichen Handeln. In anderen Worten geht es um ein Model jenseits und außerhalb des Zwangsapparates Staat. Es geht um eine ökologisch-demokratische Gesellschaftsform, in der sich alle ausgegrenzten und unterdrückten Menschen ausdrücken und in ihrer Verschiedenheit miteinander koordiniert leben können. Dabei ist es natürlich extrem wichtig zu erkennen, wie Patriarchat, Staat und hierarchische Gesellschaftsformen historisch entstehen, wie sie sich verändern, und wie wir sie verändern können. Ähnlich wie für den berühmten französischen Historiker Fernand Braudel ist für Rêber APO die Geschichte des Universums und der geologischen Welt in ihrer langen Dauer (la longue durée) der Hauptteil einer geschichtlichen (historischen) Tradition, innerhalb derer sich die Geschichte (im Sinne von Erzählung) der Menschheit abspielt. Ein Sinn für unsere Gegenwart setzt einen Sinn für diese lange Geschichte voraus. Rêber APO sieht die Menschheitsgeschichte, wie sie z. B. in den Heiligen Schriften erzählt wird, als einen Versuch, das Menschsein im Zusammenhang mit der Entstehung des Universums und der schöpferischen Kraft
gesellschaftlicher Arbeit zu verstehen. Obwohl sich diese religiös motivierte Erzählung natürlich durch die Erkenntnisse moderner Wissenschaften im Handumdrehen widerlegen lässt, enthält sie eine Ehrfurcht vor der langen Tradition menschlichen Lebens, die sich in den sachlichen Diskursen der klassifizierenden Wissenschaft kaum noch findet. Moderne Wissenschaft, so Rêber APO, erzählt nicht mehr vom Menschen, sondern seziert nur noch dessen Kadaver. Unter den teilweise extrem technischen Rekonstruktionen wird die Neugierde über das Wie und Warum ebenso verschüttet wie vorgriechische Kultstätten unter den Monumentalbauten der hellenistischen Klassik z. B. in Didyma oder Ephesus. Kaum jemand hört noch den Ruf kritischer AnthropologInnen wie Henrietta Moore, dass es doch in der Archäologie um Menschen, nicht um Tontöpfe gehe („archaeology is about people, not pottery“).
Werden wir also nie verlässliches Wissen über die Frühzeit Mesopotamiens erlangen? Zeigt die organisierte Plünderung von Museen und Fundstellen im Irak oder das faktische Grabungsverbot in der Türkei uns nur, dass es eh unsinnig wäre sich um eine Vergangenheit zu scheren, die uns doch nur immer zwischen den Fingern zerrinnt? Oder bedeutet all dies, wie Walter Benjamin beschreibt, dass „erst der befreiten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zufallt“? (Über den Begriff der Geschichte, 1939) Die kritische Anthropologin und Archäologin Susan Pollock bezeichnet in ihrem 1999 erschienen wichtigen Buch das frühe Mesopotamien als ein „Eden, das es niemals gab“ (Ancient Mesopotamia: The Eden that never was, Oxford 1999).