Dîrok Havîn – STERKA CIWAN
Sicherlich ist es schwer heute auf die Geschichte zurück zu blicken und den einen Moment auszumachen, an dem etwas passiert ist. Sicherlich für manche Ereignisse kann man das machen, für wieder andere ist das um einiges schwieriger. Mit großer Wahrscheinlichkeit können wir aber davon sprechen, dass vor fast 45 Jahren, als Rêber APO das Gefängnis verließ, in dem er, wegen der Teilnahme an den Protesten in Ankara im April 1972 gegen die Ermordung von Mahir Çayan und seinen Genossen, inhaftiert war und daraufhin an die Tür der zwei türkischen Studenten Haki Karer und Kemal Pir klopfte, der Grundstein für einen demokratischen Mittleren Osten gelegt wurde.
Ein zweites Ereignis, das für die Entwicklung der kurdischen Freiheitsbewegung hin zu einem Demokratischen Mittleren Osten sicherlich eine zentrale Rolle spielt, ereignete sich zehn Jahre später im Sommer 1982 im Libanon. Damals kämpfte die PKK an der Seite ihrer palästinensischen Brüder und Schwestern gegen die Invasion Israels im Libanon. Die revolutionären palästinensischen Kräfte hatten sich damals in den Libanon zurückgezogen und führen von dort einen Guerillakampf gegen die Israelische Besatzung Palästinas. Kurz zuvor war es in der Türkei am 12. September 1980 zu einem Militärputsch gekommen, bei dem Hunderttausende Menschen ermordet oder in die türkischen Gefängnisse gesperrt wurden und damit im Grunde genommen die komplette Linke in der Türkei und Nord-Kurdistan vernichtet wurde. Auch viele Dutzend Kader der PKK, darunter Gründungskader wie Sakine Cansız oder Mazlum Doğan, wurden eingesperrt, gefoltert und viele von ihnen auch ermordet.
Einige wenige hatten es geschafft unerkannt das Land zu verlassen und bis in den Libanon zu kommen, wohin sich Rêber APO bereits 1979 zurückgezogen hatte, da er solch einen Putsch vorausgesehen hatte und die Notwendigkeit erkannt hatte, für die Befreiung des kurdischen Volkes einen Guerillakrieg gegen den Türkischen Staat zu beginnen. Im Libanon hatte er die Möglichkeit gefunden bei den Palästinensern Ausbildung und logistische Unterstützung für einige hundert Kämpfer zu erhalten. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre kommen aus allen Ländern der Welt Revolutionäre in den Libanon um sich von den Palästinensern im Guerillakampf ausbilden zu lassen (so zum Beispiel türkische Linke um den Studentenführer Deniz Gezmiş oder die deutschen Revolutionäre der RAF).
Nur zehn Tage nach dem Putsch in der Türkei rücken an die 100.000 irakische Soldaten Saddam Husseins in den Iran vor und der Erste Golfkrieg beginnt. Er wird acht Jahre dauern und mehrere hunderttausend Menschen werden ihr Leben darin verlieren. Saddam Hussein wittert damals seine große Chance, da er den Iran durch die im Februar 1979 erfolgte, so genannte “Islamische Revolution” geschwächt glaubt. Er hofft darauf seinen Einfluss zu vergrößern, zum einen auf die rohstoffreichen Regionen im Iran, aber zum anderen damit als Ganzes auch im Mittleren Osten.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Irak zusammen mit der Türkei eine wichtige Rolle in den Plänen der USA eingenommen, den Mittleren Osten in einem gemeinsamen Militärbündnis zusammenzubringen und damit gegen den so genannten Ostblock zu organisieren. Denn spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Kolonialismus im Mittleren Osten aber auch in vielen anderen Teilen der Erde langsam zu bröckeln und die Völker der Region strebten nach Freiheit und Unabhängigkeit von ihren ehemaligen Kolonialmächten, die zu meist aus dem Westen (Europa und den USA) kamen. Die Welt, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in zwei große Pole gespalten hatte, den Westlichen, den kapitalistischen in Anführung der USA und den Östlichen, den realsozialistischen, in Anführung der Sowjetunion (UDSSR), befand sich seit 1947 im so genannten kalten Krieg. Daher bestand vor allem auf Seiten der USA eine große Sorge, dass die zu neuem Selbstbewusstsein erwachten Länder des Mittleren Osten sich dabei dem Ostblock bzw. der UDSSR annähern oder sogar noch schlimmer unter “kommunistische” Herrschaft verfallen könnten. Der Mittlere Osten, der wie eine Pufferzone zwischen Europa und dem Ostblock lag, spielte daher für die USA eine strategisch wichtige Rolle. Hinzukamen natürlich noch die riesigen Rohstoffvorkommen, besonders von Erdöl rund um den Persischen Golf, an dem die USA sehr interessiert war. Mit diesem Blick auf den Mittleren Osten war es also für die USA nicht zu akzeptieren, dass die Menschen dort sich nach jahrhundertelanger Unterdrückung und Bevormundung durch die westlichen Kolonialstaaten und ihre Spielchen plötzlich nach Freiheit und Selbstbestimmung sehnten. Der USA, die darauf abzielte die alten Kolonialmächte im Mittleren Osten, England und Frankreich zu ersetzen, war daher jedes Mittel recht, eine wirkliche Befreiung der Menschen in der Region zu verhindern. Welche üblen Folgen diese ignorante und unmenschliche Politik nach sich zog, können wir an der Geschichte des Mittleren Osten ab Mitte der 40er Jahre bis heute verfolgen. Die Folge ist eine, vom Blut der Völker durchtränkte Erde, hunderttausende Tote und ein komplettes Chaos in der Region.
Diese blutige Politik der Fremdbestimmung war aber natürlich auch schon vorher zentraler Teil der Politik der westlichen Länder gewesen. Eines der deutlichsten Beispiele dafür ist das 1916 geschlossenen Geheimabkommen von Sykes-Picot zwischen England und Frankreich, in dem die beiden Großmächte sich den Mittleren Osten ohne die Mitsprache der dort lebenden Menschen unter einander aufteilten. Dabei wurden nicht nur wild, mit dem Lineal, neue Grenzen gezogen, neue Staaten geschaffen (z.B. Libanon, Jordanien, Irak) und Völker auf mehrere Länder aufgeteilt (z.B. Kurden), sondern an die Spitze dieser Länder vom Westen abhängige Herrscher gesetzt. Es wurde die besten Voraussetzungen geschaffen, dass der Mittlere Osten vor lauter Konflikten nicht zur Ruhe kommen würde und weiterhin in vollkommener Abhängigkeit vom Westen leben sollte.
Grundlage für die Aufteilung der Region nach dem Sykes-Picot-Abkommen war der bevorstehende Zerfall des über 700 Jahre bestandenen Osmanischen Reiches, das an der Seite des Deutschen Reiches 1914 in den ersten imperialistischen Verteilungs- bzw. ersten Weltkrieg eingetreten war. Seine Hauptrivalen England und Frankreich konnten dadurch ihren Einfluss immens ausdehnen. Die Arabischen Völker der Region gingen, entgegen aller Versprechungen die man ihnen gemacht hatte, damit sie sich gegen das Osmanische Reich erhoben und es somit schwächten, leer aus. Das Einzige, was sie nach dem Krieg gewonnen hatten, war, dass sich der Name dessen, der sie beherrschte, änderte. War es vorher das Osmanische Reich, waren es nun die Franzosen oder Engländer.
Als Anfang der 50er Jahre dann der Iranische Anwalt Mohammed Mossadegh die Forderung aufstellte, die kolonialen Verträge der Anglo-Iranischen Öl-Company neu zu verhandeln, weil fast der gesamte Gewinn außer Landes floss und trotz des eigentlich dadurch entstehenden Reichtums nichts davon beim Iranischen Volk ankam, so wird darin einerseits das neu gewonnene Selbstbewusstsein der Völker im Mittleren Osten nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich, andererseits aber auch eine Forderung die der Westen so nicht akzeptieren kann. Als dann unter Mossadegh als Premierminister die Ölförderung verstaatlicht wird, regieren die USA und Großbritannien mit der “Operation Ajax”. In einer Geheimdienstoperation von CIA und MI6 wird der vom Volk demokratisch gewählte Mossadegh weggeputscht, weil er sich den Interessen des Westens widersetzte. An seine Stelle tritt der vom Westen unterstütze Schah. Dadurch das der Westen nun wieder billig an sein Öl kommt, wird großzügig darüber hinweggesehen, was der Schah innenpolitisch für einen Kurs einschlägt. Er verbietet jegliche Opposition und geht hart gegen alle politischen Gegner vor. Schlussendlich wird er dann im Februar 1979 durch die “islamische Revolution” hinweggefegt. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, die Saddam Hussein als geeignet erscheinen, in den Iran einzumarschieren.