Home ALLE BEITRÄGEGESCHICHTE Wie aus den Trümmern Rakkas der Demokratische Mittlere Osten geboren wird – Teil 3

Wie aus den Trümmern Rakkas der Demokratische Mittlere Osten geboren wird – Teil 3

by rcadmin

Dîrok Havîn – STERKA CIWAN

In Rojava entschied man sich dafür, keine der beiden Seiten im Bürgerkrieg zu unterstützen. Weder das Assad Regime, noch die so genannte Opposition, die mit der Zeit immer mehr von islamistischen Gruppen übernommen wurde. Stattdessen wählte man den so genannten „Dritten Weg“. Man begann damit, im Chaos des syrischen Bürgerkrieges, das entstandene Vakuum zu nutzen, dass sich nach dem Abzug von Assads Truppen aus dem Norden Syriens gebildet hatte. Assad war sich darüber klar, dass er nicht an allen Fronten kämpfen konnte und zog daher seine Truppen aus der Region zurück, in dem vor allem Kurden, aber auch Turkmenen und Assyrer lebten. Die meisten der Araber, die auch noch in der Region an der Grenze zur Türkei lebten, waren im Zuge einer so genannten „Arabisierungspolitik“ dorthin gesiedelt worden um einen arabischen Gürtel zu bilden. Wie jeder der vier Besatzungsstaaten Kurdistans, hatte auch Syrien eine besondere Politik der Unterdrückung für das Kurdische Volk entwickelt. So hielt man einerseits die Region in vollkommener Abhängigkeit vom Zentralstaat, indem z.B. sie als Kornkammer und Ölquelle diente. Sie lieferte die Rohstoffe, die im Landesinneren raffiniert bzw. zu Produkten verarbeitet wurden und damit erst richtig an Wert gewannen. Andererseits war in Syrien die kurdische Sprache verboten und auch jede Form der Teilhabe am Staat verweigerte man ihnen, in dem fast allen Kurden weder Pass noch Ausweisdokumente ausgestellt wurden. Erst als der Bürgerkrieg schon in vollem Gange war, bot Assad den Kurden an, ihnen die volle Syrische Staatsbürgerschaft zu geben um sie damit auf seine Seite zu ziehen. Doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät. Die Unterdrückten hatte einen Hauch von Freiheit gekostet und waren nicht bereit für solch ein Angebot wieder in ihrer Sklaverei zurückzukehren. Stattdessen begann man immer mehr damit, sich in Stadtteilkomitees und mit der nahenden Bedrohung durch den IS auch zunehmend in militärischen Komitees zu organisieren. Im Jahre 2012 schließlich wurde dann die YPG als Volksverteidigungskraft gegründet, schon ein Jahr später folgte dann der autonome Frauenflügel YPJ. Spätestens als der IS dann die Stadt Kobanê erreicht hatte und kurz davor war, die türkische Grenze zu erreichen, während er auf seinem Weg ein Blutbad hinterließ, wurde dann auch die Weltöffentlichkeit auf die Situation in Nordsyrien aufmerksam. Mit ihrem heldenhaften Widerstand wurde besonders die kurdische Frau zu einem Symbol der Hoffnung auf etwas Neues. Nach einer grausamen Schlacht, in der viele Freundinnen und Freunde Sehid gefallen sind und der IS aus Kobanê vertrieben werden konnte, begann damit seine Niedergang. Über die Monate konnte er immer weiter zurückgedrängt werden, bis schließlich ein immer größerer Streifen südlich der türkischen Grenze von diesen Banden befreit wurde.

Während im Sommer 2014 die entscheidende Schlacht um Kobanê tobte, das schlussendlich am 26.Januar 2015 vollständig vom IS befreit wurde, waren auch schon einige Internationalistinnen und Internationalisten auf dem Weg, den Kampf des kurdischen Volkes in Rojava zu unterstützen. In Anbetracht solcher Grausamkeit, vor den Augen einer untätigen Weltgemeinschaft, fassten sich einige ein Herz, dies nicht zu akzeptieren. Mehr noch unter ihnen waren angetrieben von den Ideen der Revolution, die gleichzeitig mit der Verteidigung gegen den Islamischen Staat einherging. Im Schatten des Bürgerkrieges und beseelt von dem Traum nach Freiheit, begann man unermüdlich die Ideen Rêber APO’s, das Paradigma des demokratischen Konföderalismus in die Tat umzusetzen. Schon lange vor dem Kampf in Kobanê waren in ganz Rojava Räte in Dörfern, Stadtvierteln und Städten entstanden in denen die Menschen sich trafen um ihr Leben selbst zu verwalten. Von Anfang an war man dabei darauf bedacht, nicht nur das Kurdische Volk sondern auch alle anderen, in Nordsyrien lebenden Menschen in die Organisierung mit einzubinden.

Die SDF und die Demokratische Föderation Nordsyrien als Vorbilder für ein kommendes Syrien

Nur etwa ein Jahr nach der Befreiung Kobanê’s wurde in Rojava mit der Gründung der Syrisch Demokratischen Kräfte der nächste Schritt gegangen um einerseits den Kampf gegen den IS zu verstärken, aber auch um alle anderen Völker in der Region noch stärker mit einzubinden. Schon bald wuchs die Anzahl der arabischen Kämpfer stätig an, bis schließlich im Sommer 2017 unter dem Dach der SDF sogar das erste arabische Frauenbatallion gegründet wurde.

Wenn wir die Entwicklung in Westkurdistan verfolgen sehen wir, dass zehn Jahre nach der Gründung der PYD mit den drei Kantonen Afrin, Kobanê und Cizire, die Region Rojava ausgerufen wurde. Auch wenn dabei zu Anfang vor allem die Organisierung und Befreiung des kurdischen Volkes im Mittelpunkt stand, nahm mit der Zeit der Aspekt, dass Rojava ein Teil Nord-Syriens sei, immer mehr zu. Diesem Aspekt trägt z.B. auch die Gründung der SDF 2015 Rechnung, in der sich fortan neben den kurdischen Einheiten auch immer mehr arabische, assyrische, turkmenische und andere Kämpferinnen und Kämpfer finden und die Gründung von lokalen Militärräten in befreiten oder zu befreienden Gebieten. Dadurch soll vor allem außerhalb des kurdischen Siedlungsgebietes eine Selbstorganisierung der dortigen, mehrheitlich arabischen Bevölkerung geschaffen und einer mögliche Unterdrückung der Minderheiten durch die kurdische Mehrheit vorgebäugt werden. Außerdem sollen die SDF eine mögliche Vorbildfunktion in einem Nachkriegssyrien spielen.

Genau wie die Demokratische Föderation Nordsyrien, die im März 2016 ausgerufen wird, neben dem, dass sie den Entwicklungen in Nordsyrien Rechnung trägt, auch ein Vorstoß für die Zukunft Syriens ist. Denn Syrien, wie viele der Staaten im Mittleren Osten ist nicht so homogen, wie man sich gerne zu geben versucht. Ganz im Gegenteil, was wir auch in der Betrachtung der Geschichte dieser Region sehen können ist, dass sie sich durch Vielfalt auszeichnet. Verschiedene Völker, Religionen und Sprachen. Diese Vielfalt ist es auch, die in einem neuen Syrien nicht nur respektiert werden muss, sie muss schon bei der Schaffung dieses neuen Syriens eine zentrale Rolle spielen. Und wenn wir uns den Verlauf des Bürgerkrieges über die letzten sechs Jahre angucken, dann sehen wir, dass die demokratischen Kräfte, angeführt von den Ideen Rêber APO’s mit der Realität die sie geschaffen haben, Wertmaßstäbe für eine neue Gesellschaft setzen.

Im November 2016 starten die SDF dann die große Offensive auf die letzte Bastion des IS, auf Rakka. Fast ein Jahr soll es dauern, bis nach zähen Kämpfen, vielen wertvollen Freundinnen und Freunden die im Kampf fallen und riesiger Zerstörung in der Stadt, im Oktober 2017 befreit ist. Es ist der entscheidende Schlag, dem man dem IS versetzt und dementsprechend deutlich und groß ist die Freude in den Gesichtern der Menschen. Der Menschen, die von der Unterdrückung des IS befreit wurden, seien es ezidische Frauen, Aktivisten aus Rakka, die im Untergrund gelebt haben, Menschen, die nicht einverstanden waren mit dem IS oder aber natürlich die Kämpferinnen und Kämpfer.

Mit dem revolutionären Geist Rêber APO’s die demokratische Mittelostkonföderation aufbauen

Doch der Sieg ist nicht nur ein Sieg für die Menschen in Rakka, nicht nur für die Menschen in Syrien, es ist ein Sieg für den gesamten Mittleren Osten und darüber hinaus. Es ist ein entscheidender Schritt in Hinblick auf die Lösung der Probleme in der Region. Schon kurz nachdem die ersten Viertel von Mienen und Sprengfallen des IS, die er überall hinterlassen hat, gesäubert sind, beginnt der Aufbau zivilgesellschaftlicher und demokratischer Strukturen. Räte werden gebildet, Schulen und neue Medien eröffnet. So schnell es geht arbeitet die Bevölkerung daran in Selbstverwaltung ihre dringendsten Probleme zu lösen. Dabei schlägt das System mit jedem neuen Rat der gebildet wird, mit jedem neuen Problem das in gemeinschaftlicher, demokratischer Zusammenarbeit gelöst wird, mehr Wurzeln. Immer mehr beginnt das Paradigma der Demokratischen Autonomie im Norden Syriens zu leben und wird dabei mit jedem Tag mehr und mehr zum Vorbild für einen freien, einen gleichberechtigten, demokratischen Mittleren Osten. Vorbild für einen konföderalen Mittleren Osten, in dem die Menschen gemeinsam, unabhängig von Religion, Ethnie oder Geschlecht, ihre Probleme lösen und ihre Leben auf demokratische Weise organisieren. Es ist die einzige Möglichkeit für eine stabile Zukunft, in dem die Menschen nicht mehr mit Hilfe einer teile und herrsche Politik von den imperialistischen Staaten geteilt werden können. Es ist die einzige Möglichkeit, die kapitalistische Moderne langsam zurückzudrängen, in dem an in jedem Bereich des Lebens gemeinsam seine Alternativen aufbaut. Das es nun heute 40 Jahre nach Gründung der größten, heute noch existierenden revolutionären Guerilla-Bewegung, der PKK, zu solch einer Lösung gekommen ist, haben wir dem Willen, der Analyse und Voraussicht Rêber APO’s zu verdanken, der nach dem Fall der Sowjetunion, nach dem Niedergang so vieler revolutionärer Bewegungen mit den Ideen der Demokratischen Nation den Unterdrückten, den Menschen die sich nach Freiheit sehnten, eine Hoffnung verschaffte. Eine Hoffnung auf eine freie, demokratische Zukunft. Eine Hoffnung auf einen Mittleren Osten der Völker, der mit seinem, daraus neu erwachsenen Selbstbewusstsein, die Ketten des Kolonialismus abwirft und zu einem Vorbild für den Rest der Menschheit wird. Das ist was wir als Demokratische Mittelostkonföderation bezeichnen wollen. Das ist die Zukunft, der Sieg und die Freiheit.

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