Kurtay Dêrik
Würden wir kurdische Jugendliche fragen, ob sie Welatparêz sind, oder nicht, würden wohl die allermeisten das mit einer großen Sicherheit von sich behaupten. Wenn wir heute in irgendeinen kurdischen Verein, auf eine Demonstration oder eine kurdische Veranstaltung gehen, dann bekommt man eines immer wieder zu hören: „Er/Sie ist welatparêz“ , „er/sie nicht“. Wenn alle Vorraussetzungen dafür zusammengenommen werden würden, dann wären einerseits alle, wohl 40 Millionen, KurdInnen welatparêz, andererseits nur eine sehr kleine Gruppe von den aktivsten aller Aktiven.
Ich denke, dass wir hierbei unbedingt unsere Maßstäbe klarer definieren sollen. Wenn jeden Tag dutzende kurdische Jugendliche in Kurdistan für die Freiheit und Würde Kurdistans und sogar der ganzen Welt fallen, dann sollte niemand das mit seinem Gewissen vereinbaren können, dass so viele Protz-KurdInnen sich darauf ausruhen und mit diesem Widerstand herum-prahlen, als seien sie selbst die Federführer, die aber in der Realität selbst keinen Finger krümmen, um einen Beitrag für diesen Kampf zu leisten. Insbesondere gilt das für die von morgens bis abends in den Vereinen Tee-Trinkenden leidenschaftlichen KritikerInnen der heutigen Jugend. Andererseits sollten wir aber auch jene würdigen, die wirklich gewissenhaft die Pflichten für diese Bewegung erfüllen.
Die Bewegung kämpft und arbeitet seit über 40 Jahren. Mit jedem Jahr, mit dem sie gewachsen ist, haben sich auch ihre Maßstäbe geändert. In ihrer Entstehungszeit, in der Türkei/Nordkurdistan die kurdische Sprache, Kultur und Identität komplett geleugnet und verboten wurde, war der Maßstab für Welatparêzî, dass ein Kurde zu seiner Identität steht. Denn allein das, war mit Folter, Gefängnis bis hinzu Mord verbunden und erforderte große Opferbereitschaft. Als über die Jahre die Bewegung gewachsen ist, die KurdInnen zu tausenden sich der Guerilla der PKK anschlossen und sich gegen die Angriffe des türkischen Staates verteidigten, ein Aufwachen aus dem Tiefschlaf der Auto-Assimilation stattfand und die Bedürfnisse des auch international immer größer werdenden Widerstandes wuchsen, änderten sich auch die Maßstäbe für Welatparêzî. Es reichte nicht mehr nur sich positiv zum Kampf zu beziehen, sondern damit verbunden war auch die regelmäßige Beteiligung an Protesten und Volksaufständen. Es etablierte sich die Kultur, dass zehntausende kurdische Familien ihre Türen den KämpferInnen, KaderInnen und AktivistInnen der Bewegung öffneten, sie bei ihnen schlafen, essen und sich verstecken konnten – eigentlich zu einem Teil des Familienlebens wurden. Viele junge Menschen heute erinnern sich sehr gut daran, wie FreundInnen, nachts um 02:00 Uhr unangemeldet an der Tür klopften und dass es für die Familien eine große Ehre war, diese aufzunehmen. Das machte die Bewegung unglaublich stark und schützte sie gegen die Angriffe des Feindes. Insbesondere in Europa entwickelte sich die Kultur, dass die kurdischen Familien für die Revolution in Kurdistan ihre Revolutionssteuer zahlten und damit ihren sehr wichtigen finanziellen Beitrag leisteten. Das machte die apoistische Bewegung sehr unabhängig. Insgesamt wurde die PKK ab den 80ern zu einer Lebenskultur unter den KurdInnen, vor allem aus Nordkurdistan und Rojava.
Insbesondere ab 2005 – mit dem Paradigmenwechsel – hat sich die Bewegung auf alle vier Teile Kurdistans ausgebreitet. Sie ist heute die größte und stärkste kurdische Partei. In ihr sind zehntausende KämpferInnen aus allen Teilen und Regionen Kurdistans, freiwillig und ohne finanzielle Gegenleistung, was einmalig in der Geschichte der KurdInnen ist. Seit der Rojava-Revolution und dem erfolgreichen Kampf gegen den IS haben sich auch hunderte Menschen aus alles Welt ihr angeschlossen. Während sie sich in ihren Anfängen nur auf Nordkurdistan und eine bestimmte soziale Gruppe fokussierte, hat sie heute mit den Ideen von Rêber Apo, eine unglaublich große universelle Dimension erreicht. Damit steigen auch die Maßstäbe dafür, ein Teil dieser Bewegung zu sein. Vor allem als Jugendliche müssen wir, was unsere Maßstäbe, Normen, Werte und Moral angeht, direkter, konkreter und fordernder sein. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Liberalismus in den Köpfen, unsere Bewegungs-Prinzipien verwässert und aufweicht. Im folgenden habe ich ein paar wichtige Grundsätze versucht in Form von Fragen und Antworten zu formulieren, die sich in der Bewegung etabliert haben und die wir als Maßstab für Welatparêzi nehmen müssen:
Stehst du offen zur Bewegung?
Die legitimen Forderungen der KurdInnen versuchen die Staaten in Europa, insbesondere Deutschland, durch Repressionen mundtot zu machen. Durch Strafen, polizeilichen Maßnahmen, bürokratischen Hürden, etc. sollen die Menschen eingeschüchtert werden, damit sie nicht zur Bewegung stehen. Niemand sollte sich durch diesen Druck einschüchtern lassen. Jeder Welatparêz hat die Pflicht, offen zu der Partei und seinen Forderungen zu stehen. Das heißt jetzt nicht, dass jeder sich PKK auf die Stirn schreiben soll, lediglich aber, dass wir von unseren legitimen Rechten und Forderungen kein Milimeter zurückschrecken dürfen.
Gehst du auf Protest-Aktionen?
Vor allem die KurdInnen in Europa haben die Aufgabe öffentlichen Druck auf den türkischen Staat und seinem zweihundertjährigen Partner – Deutschland – aufzubauen. Neben den diversen Diplomatiearbeiten besitzen Protest-Aktionen, wie Demos, Veranstaltungen, Kundgebungen oder Aktionen von zivilem Ungehorsam eine strategische Bedeutung. Deshalb ist die Beteiligung an Aktionen für die Freiheitsbewegung eine sehr wichtige Sache. Deren Basis ist die eigenen Bevölkerung.
Leistest du deinen finanziellen Beitrag?
Die Kurdische Bewegung hat eine internationale Reichweite angenommen. Um erfolgreich und unabhängig von anderen Staaten zu arbeiten, ist finanzielle Unabhängigkeit sehr wichtig. Dabei stützt sie sich hauptsächlich auf die Unterstützung des eigenen Volkes. JedeR, der/die sich welatparêz nennt, muss deshalb nach Einschätzung der eigenen Möglichkeiten seinen finanziellen Beitrag leisten. Dazu gehören die Entrichtung der Monatsbeiträge (Aydat/Mehane), die Beteiligung an der jährlich stattfindenden großen Spendenkampagne, der Kauf von Solitickets für diverse Veranstaltungen, aber auch die Unterstützung von Notleidenden Menschen in Kurdistan.
Setzt du dich mit den Ideen der Partei auseinander?
Die Bewegung ist nicht eine Bewegung, der es nur um die kurdische Frage geht. Sie kämpft für ein freies Kurdistan, aber die Voraussetzung dafür ist die Schaffung freier Menschen und Gesellschaften. Das heißt, dass sich unsere Gesellschaft und jeder einzelne von seinem rückständigem Verhalten loslösen muss. Die PKK hat Antworten auf die Frage „WIE LEBEN?“. Mit diesen Antworten müssen wir uns auseinandersetzen und sie in unserem Leben verinnerlichen. Dafür sollten wir die Bildungen in den kurdischen Kulturzentren besuchen, die Zeitschriften, Zeitungen und Bücher abonnieren und unbedingt lesen, die kurdische Sprache, Musik, Literatur und Kunst entwickeln.
Ist deine Heimtür für FreundInnen von der Bewegung offen?
Unsere Stärke als Bewegung nehmen wir aus der tiefen Verankerung in unserer Gesellschaft. Dafür ist die Unterstützung aus den Familien sehr wichtig. Der regelmäßige Besuch in den Familien, die Übernachtungen bei den Familien und die Gespräche in den Familien sind Grundlagen dafür. Zudem können die KaderInnen dadurch vor den Repressionen des Staates teilweise besser geschützt werden. Jeder Welatparêz sollte zum Maßstab nehmen, dass einmal im Monat die FreundInnen zu ihnen nach Hause kommen und übernachten, ggbfls. sollen sie sie sogar einladen.
Bist du bereit individuelle Opfer zu geben für deine Heimat/ für ein freies Leben?
Über all diese genannten Punkte brauchen wir sowieso nicht einmal sprechen, wenn die wichtigste Voraussetzung für einen Menschen fehlt – die Gewissenhaftigkeit. Akzeptiert mein Gewissen die ungeheuerlichen Taten, die in meiner Heimat stattfinden? Lassen mich die kriminellen Machenschaften des deutschen Staates gegen das kurdische Volk – im allgemeinen gegen die Menschlichkeit – kalt? Hier sehen wir, dass Welatparêzî vor allem eine Gewissensfrage ist und deshalb einen universellen Charakter hat und alle Menschen, ganz gleich welcher Herkunft, betrifft. Zur Bewegung zu stehen heißt nämlich auch opferbereit zu sein, d.h. evtl. sich mit der eigenen Familie oder dem Freundeskreis anzulegen, weil diese nicht wollen, dass man sich politisch betätigt, d.h. die eigene Bequemlichkeit aufgeben zu müssen und auch um zwei Uhr in der Nacht auf eine spontane Kundgebung zu gehen, d.h. bereit sein dafür Strafen wegen beispielsweise dem Verstoß gegen das Versammlungsgesetz zahlen zu müssen, sogar im Extremfall im Gefängnis zu landen, d.h. auf türkische Kunden im eigenen Laden verzichten zu müssen, weil man Plakate für kurdische Veranstaltungen aufhängt, d.h. sein Auto, seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, auch wenn man weiß das damit/darin evtl. Straftaten begangen werden, d.h.—— auf manche Freundschaften verzichten zu müssen, weil man einen Spendenstand auf der Hochzeit der eigenen Geschwister/Kinder aufstellt, d.h. sogar, dass ich zur Entscheidung meiner Geschwister/Kinder, sich der Guerilla anzuschließen, stehe und sie nicht daran hindere. All das setzt voraus, dass ein Mensch Gewissenshaft sein muss. All diese Konsequenzen sind Waffen dieser politischen und gesellschaftlichen Ordnung, mit denen wir als KurdInnen seit über einem Jahrhundert unter Kontrolle gehalten werden sollen. Um diese Ordnung zu beenden und eine gerechtere Ordnung aufzubauen, müssen wir vor allem opferbereit sein. Das ist die Aufgabe von Welatparêzî.
