Home ALLE BEITRÄGEJUNGE FRAUEN Wir sind die Gesellschaft- Die Gesellschaft sind WIR

Wir sind die Gesellschaft- Die Gesellschaft sind WIR

by rcadmin

Sosin Rojava

Kein Tag, seit dem Beginn von Corona, vergeht, an dem wir nicht von einer Frau lesen, welche Opfer häuslicher Gewalt, eines versuchten Femizids oder Opfer eines Femizids wurde. Wir können es uns einfach machen und sagen: die Corona-Krise ist schuld. Das Problem ist, dass wir Zuhause eingesperrt sind und keine Möglichkeit haben, der aufkommenden Gewalt aus dem Weg zu gehen.

Aber ist das wirklich der Grund?

Als Frauen führen wir in diesem patriarchalen System jeden Tag einen Kampf und sind mit Problemen konfrontiert. Ein Aspekt davon, die Gewalt, rückt jetzt in den Vordergrund, aber was ist mit den anderen Aspekten?

Wir hören vor allem davon, dass Frauen Opfer werden oder wieder ein Femizid stattgefunden hat und es stimmt, die gewaltvolle männliche Mentalität des Patriarchats greift um sich und wird in geballter Form sichtbar. Die kleinen Imperatoren lassen ihre ganze Wut über ihren Statusverlust im System an ihren Frauen oder die Wut über den Verlust ihres Eigentums an ihren Ex-Frauen aus.

Wer hält die Welt am Laufen?

Doch sehen wir überhaupt, was Frauen in dieser Zeit vollbringen, trotz der Gewalt, die sie erleben?

Beginnend schon allein mit der Lohnarbeit: Wer steht an vorderster Stelle bei der Versorgung der kranken, alten und schwachen Menschen? Es sind Frauen. Denn aufgrund unserer Sozialisation sind es immer noch wir, die häufiger soziale Berufe, wie den der Pflegerin, oder der Krankenschwester ausführen. Die Berufe, die jetzt vor allem gebraucht werden und dem höchsten Risiko ausgesetzt sind, mit dem Virus angesteckt zu werden. Trotzdem arbeiten viele tausende Frauen tagtäglich in diesen Berufen und gehen ihrem Verantwortungsgefühl nach, Menschen zu helfen und Menschlichkeit in der Krise aufrecht zu erhalten. Sie sind für Andere da und denken nicht zuerst an sich selbst.

Auch an den Supermarktkassen und in den Drogeriemärkten: Wen sehen wir? Frauen, vor allem auch junge Frauen, die durch ihre Arbeit das System am Laufen halten. Neben all den grausamen Zügen des Patriarchats, welchen wir täglich ausgesetzt sind, übernehmen wir auch noch diese Verantwortung für die Gesellschaft. Bereits zur Zeit der Industrialisierung befanden sich Frauen in einem brutaleren Ausbeutungsverhältnis, als Männer. Silvia Federicci begründet es in ihrem Buch „Caliban und die Hexe“ so, dass Frauen aufgrund der Versorgungslast, also z.B. Kinder Zuhause zu haben, oder die Familie neben der Hausarbeit auch noch finanziell unterstützen zu müssen, viel härter und länger arbeiteten, als Männer. Auch heute besteht in großen Teilen diese Abhängigkeit noch fort, für alleinstehende Personen oder Familien, die größere Risiken eingehen müssen, wie beispielsweise in Zeiten der Pandemie zu arbeiten. Sie haben nicht das Privileg, Zuhause in Quarantäne zu bleiben. Frauen sind vor allem in den sogenannten systemrelevanten Berufen zu finden, eigentlich könnte man sagen, Berufe, welche vor allem einen gesellschaftlichen Mehrwert bringen.

Zusätzliche Belastung in allen Bereichen

Doch, Lohnarbeit ist nur ein Bereich, in dem Frauen durch die Krise größerer Belastung ausgesetzt sind, als Männer. Dies zeigt sich mit einem Blick in die Häuser und Wohnungen:

Frauen kümmern sich um den Haushalt, übernehmen aufgrund der Schließung der Kinderbetreuung die Versorgung Zuhause. Im schlimmsten Falle, wenn sie sich darüber beschweren oder auf Grund der finanziellen Lage arbeiten müssen, werden sie als unsolidarisch beschimpft oder ihre Fähigkeit als Mutter wird in Frage gestellt. Auch sie sind es, die die Hilfe für ältere oder kranke Familienmitglieder übernehmen und ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen nicht aus dem Auge verlieren.

Das System dahinter, das patriarchale System, welches diese Probleme schafft, wird nicht in Frage gestellt. Problemlagen werden individualisiert und im schlimmsten Falle mit einer rassistischen Färbung darauf hingewiesen, dass z.B.: Gewalt gegen Frauen nur ein Problem in migrantischen Communities sei. Das ist es aber nicht, es ist die patriarchale Mentalität!

Frauen waren und sind das Zentrum der Gesellschaft

Heute ist die Rolle der Frau geformt durch den patriarchalen Blick und die toxisch-männliche Mentalität. Wir sollen Karriere-Frauen, Super-Mütter, beste Freundinnen und Supermodels zugleich sein. All diese Dinge werden uns von außen aufgezwungen und irgendwann übernehmen wir dadurch selbst diese Erwartungen.

Wenn wir uns anschauen, was Frauen derzeit leisten und immer schon geleistet haben, dann sehen wir, dass seit dem Neolithikum die Funktion die Gleiche geblieben ist. Frauen sind es, die die Gesellschaft, ob heute als Kleinfamilie oder auch im Freundeskreis, zusammenhalten und versuchen eine Lösung zu finden für die Probleme des Alltags und die Probleme untereinander. Sie sind weise Frauen, liebevolle Mütter und beste Freundinnen in einem. Sie nehmen jedes Risiko in Kauf die Gesellschaft zu schützen und miteinander zu verbinden.

Wir sind es, die immer wieder den Anstoß geben für Veränderungen, wie zuletzt vor Corona: die hunderttausenden Frauen weltweit auf der Straße, welche Femizide, die Gewalt und das Verschwinden von Frauen nicht länger akzeptieren wollten. Und wir sind es auch jetzt noch, die ihre Leben verlieren, ausgebeutet, unterdrückt werden und deren Mühe unsichtbar gemacht wird und daran ist kein Virus schuld.

Der Staat beraubt uns jeglichem gesellschaftlichen Verantwortungsgefühl füreinander. Nun erwartet ein Großteil der Menschen von ihm, wie von einem Heilsbringer, die Lösung aller Probleme. Doch sind eigentlich wir Frauen, die wir uns dieses Verantwortungsgefühl erhalten haben, in unserer Rolle und Funktion als gesellschaftliche Kraft auf der einen Seite und unsere Ausbeutung durch dieses patriarchale System auf der anderen Seite, die einzige Grundlage für diese Lösung. Ohne die Aufopferungsbereitschaft, die Abhängigkeit und die Ausbeutung der Frau, wäre es nicht möglich, das System in Zeiten von Corona am Laufen zu halten.

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