Zerstörung der natürlichen Gesellschaft

Wenn wir vor einem Problem stehen und für dieses eine richtige Lösung finden wollen, dann müssen wir zuerst die Ursache des Problems feststellen. Wir müssen das Problem an der Wurzel packen, um dann das richtige Heilmittel zu finden. Wenn wir jedoch zu oberflächlich an die Problematik herangehen und nur die Symptome (Erscheinungsmerkmale) bekämpfen, wird sich das Problem nicht lösen, sondern nur noch mehr verkomplizieren. Wenn wir heute den Mittleren Osten betrachten, sehen wir einen Krisenherd voller Probleme. Der Bürgerkrieg in Syrien und im Irak sind ein bestes Beispiel dafür.

ŞERVAN AZAD

Im Mittleren Osten findet zurzeit ein Dritter Weltkrieg statt. Alle Weltmächte sind mittlerweile in Syrien und Irak aktiv dabei und kämpfen teils mit eigenen Einheiten, teils durch Stellvertreter mit. Was heute im Mittleren Osten passiert, ist mittlerweile Normalität geworden. Seit der Entstehung von Staat und institutioneller Hierarchie in Sumer vor 5000 Jahren, herrscht ununterbrochen Krieg und Chaos in der Region. Ein kurzer Blick in die Geschichte reicht aus um dies darzulegen; vom Irakkrieg zum unterdrückerischen Osmanischen Reich, von den Kreuzzügen zu der Mongolischen Invasion, von der Verbreitung des arabischen Kalifats zum Römischen Reich, von Alexander dem Großen zu den Persern, vom Assyrischen Reich zu den Babylonier, und zuletzt von den Ägyptern zu dem ersten Prototyp des Staates, dem Sumerischen Stadtstaat.

Eine krebsartige Krankheit namens Staat, Macht und Gewalt hat diesen Boden befallen und lässt ihn nicht mehr los.“

5000 Jahre voller Leid, Krieg und staatlichem Terror. Seit 5000 Jahren bluten die Gesellschaften des Mittleren Ostens. Eine krebsartige Krankheit namens Staat, Macht und Gewalt hat diesen Boden befallen und lässt ihn nicht mehr los. Um ein richtiges Heilmittel dagegen zu finden, hat Rêber Apo eine tiefgründige Analyse der soziologischen und historischen Grundlagen des Mittleren Ostens durchgeführt. Unter dem Namen “Demokratischer Konföderalismus” hat er seine tiefgreifende Systemlösung formuliert. Er sucht die Ursache der Krankheit tief in der Geschichte der Menschheit. Dafür beginnt er seine Analyse in den Anfängen der Gesellschaftsbildung, anstatt die Geschichte bei den Griechen oder Römern beginnen zu lassen, wie es eurozentristische Historiker tun.

Die Sumerer waren laut wissenschaftlichen Erkenntnissen die erste Gesellschaft, welches einen Staat gründete, eine Klassengesellschaft erschuf und Mythologien entwickelte. Es waren die ersten, die die Sklaverei einführten und anfingen andere kommunale, mit der Natur im Einklang lebende Völker wie die Vorfahren der Kurden zu kolonisieren und auszubeuten. Somit müssen wir die Ursache für die Probleme von heute bei den Sumerern suchen. Um die Sumerer genauer zu verstehen müssen wir noch weiter zurück in die Geschichte der Menschheit und zwar bis zu der Jungsteinzeit (dem Neolithikum). Der Mensch ist ein soziales Wesen, dass ohne Gesellschaft nicht überleben kann. In der Steinzeit konnte der Mensch als Einzelgänger nicht gegen die Gefahren der Natur überleben. Deshalb schlossen sich die Menschen zusammen und bildeten somit erste primitive Clans, die die Gemeinschaft bildeten. Diese meist 40-köpfigen Clans strukturierten sich nach einer natürlichen Ordnung. Diese bezeichnet Rêber Apo in seinen Verteidigungsschriften als die „natürliche (neolithische) Gesellschaft“, welche sich nach gesellschaftlicher Moral, Ethik und Sitte organisierte. Es gab keine festgeschriebenen Gesetze, sondern nur die Moral, welches das Zusammenleben der Clan-Mitglieder Jahrtausende lang aufrechterhielt. Die Gesellschaft verwaltete sich kommunal und im Mittelpunkt der Gesellschaft war die heilige Mutter. Die Mutter war die natürliche Führung des Clans, sie organisierte und koordinierte den Clan und leitete diesen durch alle Widrigkeiten der Natur. Sie war sozusagen das Gehirn, das Zentrum der Gesellschaft. Sie war es, die die Arbeitsteilung koordinierte und selbst bei allen Aufgaben die Vorreiterin war. Diese Gesellschaftsordnung nannte man das Matriarchat, weil das Leben der Gemeinschaft um die Mutter herum organisiert ist. Trotz Aufgabenteilung waren Frau und Mann damals gleichberechtigt. Die Frau wurde als heilig angesehen, da sie das Leben symbolisierte. Sie hat Kinder geboren und die Gesellschaft am Leben erhalten. Wenn wir das kurdische Wort Frau (Jin) und Leben (Jiyan) betrachten, dann haben beide den gleichen Wortstamm, weil sie mit dem Leben gleichgesetzt wurden. Diese natürliche Autorität der Frau wurde allmählich durch die analytische Intelligenz, die durch das Jagen ausgeprägt wurde, gestürzt. Das Jagen der Tiere, das Fallen stellen und der Konkurrenzkampf zwischen den Jägern selbst, hat beim Mann eine unfassbare Machtgier ausgelöst und bei einige Jäger dazu geführt sich gegen den eigenen Clan zu stellen. Vor allem die alten Männer welche ihre physische Kraft und Energie verloren hatten, versuchten dies durch ihre Lebenserfahrung auszugleichen. Zuerst brachen sie mit ihrer Erfahrung die jüngeren Jäger unter ihre Kontrolle und gründeten sozusagen ihre erste kleine Armee. Danach fingen sie an den Vorrat und die Mehrproduktes des Clans zu kontrollieren. Auf diese Weise kam die Führung des Clans allmählich unter die Kontrolle des alten Mannes. Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit entstand hier ein Bruch und es entwickeln sich Klassen. Der Clan bei dem unter Führung der Mutter alle gleich waren, spaltete sich und es entstand nun unter der HERRschaft des alten Mannes ein Ungleichgewicht. Das Patriarchat und die Gerontokratie (die Herrschaft des alten Mannes) wurden erschaffen. Das Patriarchat ist eine Herrschaftsform in der der alte Vater bzw. der Mann die absolute Entscheidungsgewalt besitzt und alles dem Mann unterordnet ist. Diese organisierten sich in der Gesellschaft streng hierarchisch von oben nach unten durch. Wo noch während des Matriarchats die Mutter den Clan mithilfe ihrer emotionalen Intelligenz leitete, regiert nun der machtgierige alte Mann (Patriarch) auf eine unnatürliche, brutale und ausbeuterische Art den Clan. Die Frau kümmerte sich ständig um die Bedürfnisse des Clans, doch der neue machtgierige alte Mann kümmerte sich in erster Linie um seinen eigenen Profit. So lässt er den Clan für seine eigenen Interessen arbeiten, was beim Matriarchat nicht der Fall war. In der neuen patriarchalen Ordnung des Clans besitzen die einen nun mehr und die anderen weniger, was innerhalb des Clans zu Unordnung und Neid führte. Man fing zum ersten Mal an für seine eigenen Besitzansprüche andere zu bestehlen und sogar zu töten.

Da der Mann seine Macht nicht nur über rohe Gewalt aufrechterhalten konnte, fing er an mythologische Geschichten von (männlichen) Göttern zu erzählen, um die neue Ordnung als etwas Schicksalhaftes darzustellen. Die Schamanen wandelten die Naturreligionen, in welchen die Leben schenkenden Muttergöttinnen im Vordergrund standen, zu Religionen um, bei denen brutale, strafende männliche Götter zum Vorschein kommen. Diese männlichen Götter sind also eine Erfindung der patriarchalen Schamanen. Somit waren die Schamane die Proto-Priester des Clans, welche zusammen mit dem herrschenden Mann (der weltlichen Macht) arbeiteten. Sie rechtfertigten durch die neue Mythologie die Macht des herrschenden Mannes gegenüber dem Clan. In der sumerischen Mythologie sieht man beispielsweise, diesen Kampf der Muttergöttin Inanna gegen den männlichen Gott Enki sehr gut. Inanna wird von Enki gestürzt und erbeutet von ihr ihre 104 Me’s (Fähigkeiten). Die Schamanen entwickelten sich langsam zu Priester und die Frau stürzt in der Mythologie immer tiefer. Es wird angefangen die Frauen als Hexe und Monster darzustellen. Dies erkennt man anhand der Rolle der sumerischen Göttin Lilith sehr gut. Die Priester verfeinern die Mythologie so weit, dass nun die Gesellschaft diese neue (Un-)Ordnung des Mannes als ihr Schicksal akzeptiert und den neuen gestürzten Status der Frau auch.

Bei Betrachtung Mesopotamiens zu der neolithischen Zeit in der die Frau und die Gesellschaft harmonisch lebten, sehen wir einige große Veränderungen.

Wo die Clans in der Altsteinzeit noch als Jäger und Sammler ein nomadenhaftes Leben führten, fingen laut wissenschaftlichen Angaben vor mehr als 10.000 Jahren erste Clans an, sich an einem bestimmten fruchtbaren Ort anzusiedeln und wurden somit sesshaft. In der Vorreiterrolle der Frau wurde die neolithische (jungsteinzeitliche) Revolution, die größte Revolution der Menschheit überhaupt, durchgeführt! Zum ersten Mal fingen die Menschen in den Tälern von Zagros und Taurus mit dem Bau von Dörfer an. Das erste Mal wird nun Ackerbau an den Ufern des Dicle (Tigris) und Firat (Euphrat) betrieben, womit sich nun die Nahrungsmittelproduktion des Clans um ein vielfaches erhöht und die Menschen nicht mehr hungern müssen. Das erste Mal werden Tiere für die Bedürfnisse der Gesellschaft gezüchtet, die Medizin, die Mathematik, die Sprache, die Handwerkskunst usw. entwickeln sich …

Vor einigen Jahren hat man in Riha (Urfa) ein neolithisches Dorf entdeckt, welches mindestens 12.000 Jahre alt sein soll. Göbekli Tepe heißt das Dorf und verdeutlicht die Größe dieser Revolution. Die neolithische Revolution war eine Revolution des Matriarchats. Heute denken wir, dass die Frau nie etwas erreicht hat in der Geschichte. Doch das ist ein großer Irrtum, die Frau hat die größte Revolution der Menschheit erreicht!

Gegen die neolithische Revolution der Frau schmiedeten das Patriarchat und die Priester eine Konterrevolution und erbeuteten sämtliche Fähigkeiten der Frau und gründeten so vor 5000 Jahren in Sumer ihren ersten Stadtstaat. Um die neue ungerechte Ordnung des Mannes zu verfestigen, ist zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein Staat gegründet worden. Ohne den Staat als Organisation wäre die Herrschaft der Priester und des Patriarchats nicht von Dauer gewesen. Der Staat war somit eine Stütze zur leichteren Beherrschung, Unterdrückung und Ausbeutung der Gesellschaft gewesen. Der sumerische Staat war der erste Staat überhaupt, er ist die Stammzelle aller gegenwärtigen Staatsformen und beruht auf Eigenschaften der Unterdrückung und Ausbeutung. Auch die heutigen Staaten sind im Wesen eine weiterentwickelte Form des sumerischen Staates.

Der Staat in Sumer wurde durch ein Zikkurat in der Mitte der Stadt symbolisiert.

Diese Zikkurate waren Pyramiden ähnliche Bauwerke für die Priester. Durch die Hilfe des Priesters krönte sich der Patriarch zum Gottkönig und setzte sich an die Spitze des Zikkurats um seine Göttlichkeit durch die Höhe zu demonstrieren. Unter dem Gottkönig waren die Priester. Unter den Priestern die Staatsbeamten und unter diesen wiederum die Sklaven. Auf der letzten, der untersten „Etage“ des Zikkurats standen letztendlich die Frauen, welche der Gottkönig als seine Konkubinen benutzte. Diese Sklavinnen hatte sich der Gottkönig durch die Raubzüge aus den kommunal lebenden Dörfern entführt. Die erste gesellschaftliche Gruppe welche versklavt wurde, war die Frau. Durch die Versklavung der Frau wurde letztendlich die gesamte Gesellschaft versklavt.

Wir sehen nun den Ursprung aller Probleme, die Versklavung der Frau, die Trennung der Gesellschaft von der Natur und die Gründung des ersten Staates. Ohne diese tiefgründigen Analysen der Geschichte des Mittleren Ostens können wir nicht verstehen, was sich heute auf der Welt abspielt. Denn das Heute ist die Summe der Vergangenheit, man kann die Gegenwart nicht abgetrennt von der Vergangenheit betrachten. Um die Menschheit zu befreien, müssen wir deshalb zuerst die Frau, die als erste versklavt wurde befreien. Wir müssen ein ökologisches, mit der Natur im Einklang befindliches Leben aufbauen. Den Staat abschaffen, sowie die natürliche, demokratische Ordnung wiederherstellen.

Kurz und knapp: Wir müssen wieder zurück zu unseren Wurzeln!

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