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Zurück zu meinen Wurzeln

by rcadmin

Einer unser LeserInnen schreibt über seine Erfahrungen als Kurde physisch weit entfernt von seiner Heimat in Deutschland aufgewachsen zu sein und einer Doppelassimilation ausgesetzt zu sein. Weiter schreibt er über seine Verbundenheit zu seiner Heimat, die er innerhalb der organisierten Arbeiten entfalten konnte und die Wichtigkeit zurück zu den Wurzeln zu kehren.

BAHTİYAR ARARAT

Im folgenden Text möchte ich euch, als ein in Deutschland geborener Kurde, erklären inwiefern die Assimilierung auf mich Einfluss nehmen konnte. Ich habe das Licht der Welt in Deutschland erblickt. Nun bin ich zwanzig Jahre alt und meiner Herkunft so nah, wie noch nie zuvor. Ich will euch näher bringen, wie das möglich war, trotz großer Hindernisse, welche ich in meiner Kindheit und Jugend überwinden musste. Seitdem ich in der Lage bin zu denken, fühle ich eine große Verbundenheit zu meiner Heimat. Zu dem Zeitpunkt gehörte meine Familie der Mittelschicht an. Mein Vater arbeitete durchgängig, sodass wir jeden zweiten Sommer die Möglichkeit hatten, mit dem Auto in die Heimat zu fahren. Wenn wir dort waren, blieben wir auch ganze sechs Wochen. Als Kind war ich nicht in der Lage meinen Heimatort mit Kurdistan in Verbindung bringen zu können. Wie denn auch? Kurdisch sprechen kann ich nicht, die einzige Verbindung zum Kurdentum ist die, dass während Autofahrten kurdische Musik lief oder ich die kurdischen Gespräche zwischen meinem Vater und seiner Mutter mitbekam. Ansonsten wurde ich stark von türkischen Einflüssen geprägt. Wie es dazu kommen konnte, obwohl ich Kurde bin? Meine Eltern haben eine Doppelassimilation durchlebt – eine in Kurdistan und eine in Deutschland. Rückblickend auf das Leben meines Vaters, fällt mir stark auf, wie seine Hoffnungen auf eine gerechtere Welt und ein Kurdistan von Jahr zu Jahr schwindeten. Während er in den 90ern eine starke Verbundenheit zu dem kurdischen Befreiungskampf verspürte, verringerte sich diese mit der Zeit.

Warum? Dafür habe ich zwei Antworten: Das kapitalistische System zielt mit seiner Spezialkriegsführung gezielt auf unsere Hoffnung und unseren Glauben, um so Einfluss auf unseren Widerstandsgeist zu nehmen. Denn es ist klar, solange Hoffnung existiert, existiert auch Widerstand.
Bei meinem Vater kann man es auch in diesem Umfang formulieren. Die größte Waffe, die wir dagegen richten können, ist es, den Jugendgeist aufrechtzuerhalten. Denn mit diesem Jugendgeist entwickeln wir Utopien und Hoffnungen, die wir in diesem Kampf als Motor nutzen, um mit Entschlossenheit, Motivation und Glauben zum Ziel voranzuschreiten.
Allerdings ist dieser Jugendgeist bei meinem Vater immer mehr verschwunden. Man muss sich die Revolution, den Freiheitskampf wie ein Feuer vorstellen. Du bist wie ein kleiner Funke Teil dieser großen Flamme, doch sobald du Dich entfernst, wird auch die Glut erlöschen, egal wie groß Dein Feuer zu Anfang war.
Der zweite Grund beinhaltet die Tatsache, dass er hier in Deutschland in türkischen Kreisen eine Doppelassimilation erlebt hat. Vorab möchte ich erwähnen, dass ich aus einer sunnitischen, stark religiösen Familie stamme. Durch die Religiosität meiner Familie haben wir von klein auf die einzige Moschee in der Umgebung besucht – eine türkische Moschee. Durch den dortigen Aufenthalt bestand der Freundeskreis meines Vaters fast nur aus Türken (ähnlich, wie mein eigener während der Kindheit). Wir haben unsere Herkunft zwar nie geleugnet, aber die Verbundenheit zum kurdischen Befreiungskampf nie offenkundig gemacht, was es schwierig gestaltete mich als Kind überhaupt mit dem Thema auseinandersetzen zu können. Ehrlicherweise war mir nicht einmal der Unterschied zwischen Kurden und Türken klar. Das einzige, was ich wusste – dass ich anders als all meine Freunde war. Ich musste ständig Sätze hören wie „Es ist okay, dass du Kurde bist. Hauptsache kein PKK-Kurde.“ Ich erinnere mich auch, wie neben mir oft Witze über Kurden gerissen wurden. Als sie meine abneigende Reaktion darauf bemerkten, versuchten diese „Freunde“ sich kurzerhand zu entschuldigen.

Was sollte ich denn machen, außer ihr Verhalten stillschweigend zu akzeptieren? Ich wusste selber nicht was gut und schlecht ist. Dennoch waren dies die Momente, in denen ich zum ersten Mal Ausgrenzung und Unterdrückung fühlte. Um die Assimilation vorzubeugen, sollte man seine eigene Muttersprache beherrschen und seine Kultur bewusst ausleben, denn die Assimilation beginnt mit der Leugnung der eigenen Sprache und des Nicht-Auslebens der eigenen Kultur. Einer der glücklichsten Momente meiner Kindheit war, als ich meinen ersten kurdischen Freund im Fußballverein kennenlernte. Er nahm mich nach dem Training mit auf einen Bolzplatz. Dort waren dutzende kurdische, sowie türkische Kinder. Wir kamen auf die Idee ein Fußballspiel zu veranstalten und entschlossen uns dazu, dass die Kurden gegen die Türken spielen sollten. Das Tor, das ich an dem Tag schoss, welches uns den Sieg erklärte, ist bis heute noch tief in meiner Erinnerung verankert. Wie konnte ein so einfaches Tor während eines Fußballspiels ein so prägender Moment für mich sein, an den ich mich sogar heute noch genau erinnere? Es war der Moment, in dem ich zum ersten Mal auf meine Herkunft stolz war. Ich bin heute noch der Auffassung, dass alles genau dann seinen Anfang fand. Ich lehnte mich nach diesem Tag gegen jeden auf, der es auch nur wagte, neben mir die Begriffe „Kurde“ oder „Kurdistan“ im negativen Kontext zu benutzen, dennoch war diese Verhalten eher reaktionär, als wirklich bewusst politisch. Worauf ich hinaus möchte ist, dass jede Person im Leben im besten Fall diesen positiv beeinflussenden Moment erleben wird. Man muss ihn nur erkennen und nutzen. Wenn man merkt, dass eine Person weit von diesem Moment entfernt ist, dann sollte man vielleicht selbst zum Auslöser werden.

Häufig schaute ich mir gemeinsam mit meinem Vater die Nachrichten im Fernsehen an. An einem dieser Tage, an denen wir mit der gesamten Familie beisammen saßen, Tee tranken und die Nachrichten schauten, fielen die Wörter „Kommunismus“ und „Kapitalismus“. Neugierig fragte ich meinen Vater, welche Bedeutung dahinter steckt. Er forderte meinen Onkel, welcher neben ihm saß, dazu auf, mir eine Erklärung zu geben. Da ich ein Kind war, versuchte mein Onkel es mir so einfach wie möglich zu erklären. Er sagte: „Im Kommunismus teilt man alles. Es gibt keine Superreichen und auch keine Armen. Im Kapitalismus hingegen gibt es viele reiche und auch sehr viele arme Menschen.“ Mein kindlicher Gerechtigkeitssinn brachte mich dazu, die Frage zu stellen weshalb wir dann nicht im Kommunismus leben? Die Frage wurde mir nicht beantwortet. Er entgegnete mir lediglich, dass die PKK dafür kämpft.
Die Neugierde der Menschen ist der Wissensdurst nach Erkenntnis, darum sollte man diese in ihnen fördern und ermutigen, egal wie alt man ist. Nach dieser Konversation begann ich mich immer mehr mit dem Thema zu beschäftigen und gewann Sympathien für den kurdischen Befreiungskampf. „Lernen“ hei´t demnach nichts anderes, als lebendig zu sein. Wer nicht lernt, liest oder recherchiert, kann auch nichts verstehen. Wer nichts versteht, kann auch keine Gefühle oder ein Bewusstsein dazu aufbauen, etwas machen zu wollen. Daher muss man sich von Tag zu Tag immer weiterentwickeln und das Bewusstsein immer wieder aufs Neue aufleben lassen.

Mein älterer Bruder, welcher einen ähnlichen Werdegang hatte und auch bereits innerhalb der YXK (Verband der Studierenden aus Kurdistan) aktiv war, gab mir mit der Zeit Bücher, die ich mir durchlesen sollte. Derart konnte ich mich ideologisch weiterbilden. Ich lernte, dass es eine Welt gibt, für die es sich lohnt, zu kämpfen. Eine Welt ohne Unterdrückung und Armut. Es war für mich unerdenklich, dass es eine schönere Vorstellung als diese gäbe. Während meines ersten Semesters im Studium, begann ich auf Demonstrationen mitzulaufen. Während der Efrîn-Phase 2018 ging ich dann erstmalig in den Verein und lernte viele Menschen kennen. Die Genossenschaft und das Ausfalten meiner Persönlichkeit waren Anlass genug, um schließlich mit den Arbeiten bei der YXK anzufangen. Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Nach dieser Zeit wurde mir also klar, dass der Traum von einer besseren Welt, welche ich als Kind hatte, nur erreichbar mithilfe der kurdischen Freiheitsbewegung und Rêber APOs Philosophie ist. Die kurdische Freiheitsbewegung hat mir viel gegeben und mich dazu gebracht, ich Selbst zu sein. Dennoch ist und bleibt das Wichtigste, was sie mir geben konnten, die Hoffnung.

Wir als kurdische Jugendliche in Europa, müssen alle zu unseren Wurzeln zurückkehren. Wir müssen unser Bewusstsein so stark entwickeln, dass uns niemand die Hoffnung oder den Glauben an Freiheit nehmen kann. Umsetzen können wir dies, wenn wir unsere Bindung zum kurdischen Befreiungskampf stärker entwickeln. Rêber APO sagt: „Hoffnung ist wertvoller als Sieg.“ Deswegen dürfen wir niemals unsere Hoffnung verlieren und auch unseren Glauben. Denn wie Rêber APO sagt: „Glauben ist die Hälfte des Erfolges.”

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